Weltzukunftsrat: Eindringlicher Appell

"Wir können uns keine kurzfristigen Entscheidungen mehr leisten"

Zum Abschluss der zweiten Ratskonferenz in Hamburg forderte das Gremium von den Regierungen der Welt ein radikales Umdenken.

Hamburg. "Wir können nicht weiterleben, als wenn es kein Morgen gäbe", sagte der Initiator des "World Future Councils" (WFC), Jakob von Uexküll, am Donnerstag in Hamburg. Zum Abschluss der zweiten Ratskonferenz in der Hansestadt betonte der Gründer des "Alternativen Nobelpreises" mit Blick auf die in Bonn stattfindende Uno-Konferenz zur Artenvielfalt, "die aktuelle Ernährungskrise ist ein Weckruf". Ohne einen Perspektivwechsel könnten sich künftige Generationen nicht mehr ernähren. "Wir müssen Verantwortung übernehmen."

Der Weltzukunftsrat - gegründet vor einem Jahr in Hamburg - will sich in seiner weiteren Arbeit auf den Klimawandel, die Verhinderung von Verbrechen gegen künftige Generationen, auf eine nachhaltige Stadtentwicklung und Landwirtschaft sowie auf die Ethik in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft konzentrieren. Entscheidend sei dabei, dass die jeweils besten Lösungen und Politiker unterstützt würden, sagte Uexküll. "Naturgesetze sind weder rechts noch links. Hier geht es wirklich darum, neue Allianzen aufzubauen."

Die Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin Bianca Jagger forderte, unverzüglich etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Unter Berufung auf den NASA-Klimatologen James Hansen sagte sie, sollte die Kohlendioxidkonzentration in der Luft nicht auf 350 ppm (parts per million, Teile pro eine Million Teile) gesenkt werden, gebe es bald kein Zurück mehr. Das Schmelzen der Polarkappen sei ein erstes Anzeichen. Es drohten ein Ansteigen der Meeresspiegel und massive Wetterveränderungen. Derzeit liege die Konzentration bei 385 ppm. "Wir haben nicht viel Zeit." Maximal stünden zehn bis zwölf Jahre zur Verfügung, warnte die Ex-Frau von Stones-Sänger Mick Jagger.

Der WFC kritisierte die immer stärker werdende Nutzung von Nahrungsmittelpflanzen als Treibstoff. "Autos können nicht weltweit mit Biosprit betrieben werden", sagte die indische Physikerin Vandana Shiva. Es gebe gar nicht genug Land für die Produktion von Lebensmitteln und Biosprit. Bioenergie sei für die Zukunft zwar dringend notwendig. "Dies müssen aber lokale und dezentrale Lösungen sein", sagte Shiva. Jagger betonte, die Nutzung von Lebensmitteln als Energieträger sei eine "große Bedrohung für die Armen". Bereits jetzt habe sich etwa in Nordamerika der Preis für Mais verdoppelt. "Wir müssen andere Lösungen finden", forderte sie.

WFC-Programmdirektor Herbert Girardet, Gastprofessor an mehreren Universitäten, sagte, die Städte der Welt verbrauchten inzwischen 85 Prozent aller fossilen Brennstoffe. Dies müsse sich ändern. Erste Ansätze gebe es zwar in Deutschland bereits. So habe etwa Freiburg mit seinen 200 000 Einwohnern mehr Solardächer als ganz Großbritannien mit 60 Millionen Menschen. Das reiche aber bei weitem nicht aus. Die Entscheidungsträger der Welt entschieden meist kurzfristig, kritisierte Girardet. "Das können wir uns nicht mehr leisten."

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