Birma: Die Katastrophe nach der Katastrophe

Das Trinkwasser kommt aus leichenverseuchten Flüssen

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Die Situation ist weiter dramatisch: Zwei Millionen Menschen in Birma kämpfen ums Überleben, die offizielle Opferzahl liegt bei mehr als 40 000. Die Militärregierung räumt mittlerweile Probleme bei der Verteilung von Hilfsgütern ein, doch ausländische Helfer werden weiter behindert.

Rangun. Die Militärregierung in Birma hat am Donnerstag erstmals indirekt Probleme mit der Verteilung von Hilfsgütern nach dem Zyklon "Nargis" eingeräumt. Im staatlichen Radio wurde all denen Strafe angedroht, die mit Hilfsgütern handelten. Gleichzeitig vermeldete die Militärjunta einen überwältigenden Sieg beim Verfassungsreferendum vom vergangenen Samstag. 92,4 Prozent hätten für den Entwurf gestimmt, berichtete der staatliche Rundfunk. Die Wahlbeteiligung habe bei mehr als 99 Prozent gelegen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte am Mittwoch erklärt, Soldaten hätten energiereiche Kekse beschlagnahmt und stattdessen Kekse aus heimischer Produktion von minderer Qualität verteilt. Das staatliche Radio wies den Vorwurf am Donnerstag zurück. "Die Regierung hat systematisch Spenden angenommen und Hilfsgüter umgehend und direkt an die Opfer verteilt", hieß es. In der Radio-Erklärung wurde die Bevölkerung aufgefordert, die Behörden zu informieren, wenn Hilfsgüter in "unehrlicher Absicht" verkauft oder gehortet würden.

Human Rights Watch bezeichnete das Ergebnis des Verfassungsreferendums als eine Beleidigung für das birmanische Volk. "Es ist einfach nicht möglich, dass 92 Prozent für ein Dokument stimmen, über das sie wenig wissen und das die meisten nicht gelesen haben", sagte ein Sprecher der Organisation in Bangkok, David Mathieson.

In den beiden vom Zyklon "Nargis" besonders betroffenen Regionen, dem Irrawaddy-Delta und dem Gebiet um Rangun, wurde die Abstimmung verschoben und soll am 24. Mai nachgeholt werden. Das dortige Ergebnis könne an der Billigung des Verfassungsentwurf rechnerisch nichts mehr ändern, hieß es im Rundfunk. Kritiker der Militärjunta haben den Verfassungsentwurf als undemokratisch und unfair zurückgewiesen. Er diene lediglich dazu, die Macht der Generäle zu festigen.

Nach der Wirbelsturmkatastrophe wurde inzwischen zwar etwa 160 ausländischen Helfern aus Indien, China, Bangladesch und Thailand die Einreise erlaubt. Es war aber noch unklar, ob sie auch in das Irrawaddy-Delta, die am schwersten betroffene Region, reisen dürfen.

Das Rote Kreuz schätzt die Zahl der Todesopfer in den vom Zyklon betroffenen Regionen in Birma auf 68.000 bis 128.000. Die Militärjunta erhöhte dagegen die offizielle Zahl der Todesopfer am Donnerstag auf 43.318. Weitere 27.900 Menschen würden noch vermisst.

Viele Opfer leiden nach Angaben von Hilfsorganisationen an Durchfällen und Hautkrankheiten, stillenden Müttern fehlt es wegen der traumatischen Erlebnisse an Muttermilch für ihre Säuglinge. In dem am schwersten betroffenen Irrawaddy-Delta müssen die Menschen Flusswasser trinken, in dem noch immer die Leichen schwimmen, wie das Johanniter-Hilfswerk am Donnerstag berichtete. Dennoch würden ausländische Helfer von der Militärjunta weiter massiv behindert.

"Um überhaupt helfen zu können, müssen wir uns nahe dem Konspirativen bewegen", sagte Johanniter-Mitarbeiter Alexander Richter nach seiner Rückkehr aus Birma. Der 38-Jährige und drei weitere Helfer konnten demnach zwar einreisen, wurden bei der Arbeit vor Ort aber massiv behindert. Internetseiten zur Kommunikation mit Deutschland seien von der Militärjunta gesperrt worden, Satellitentelefone und Funkgeräte dürften nicht eingeführt werden, sagte Richter. Zugleich sei es Ausländern verboten, im Land Mobiltelefone zu kaufen: "Wir mussten uns in Rangun also immer wieder feste Treffen vereinbaren, um uns auszutauschen."

Der Zugang zu dem am schwersten betroffenen Flussdelta wurde dem deutschen Helfer nach eigenen Angaben trotz mehrerer Versuche verwehrt. "Wir wurden auf dem Weg dorthin von einem Militärposten gestoppt, die Papiere wurden kontrolliert." Zunächst habe es geheißen, unter bestimmten Auflagen sei eine Weiterreise möglich, dann habe das Team aber doch umkehren müssen. Auch weitere Versuche blieben demnach erfolglos. Dabei habe bereits auf dem Weg in die Region ständiger Leichengeruch geherrscht, berichtete Richter.

Nach Angaben des Malteser-Hilfswerks leben allein innerhalb der Stadtgrenzen von Labutta mehr als 100.000 Obdachlose in 58 Flüchtlingslagern. Neben Durchfall und Hautkrankheiten würden in einer Notklinik der Hilfsorganisation zunehmend auch Verbrennungen behandelt, die sich die Sturmopfer beim Kochen mit offenem Feuer im Freien zugezogen hätten, berichteten Mitarbeiter der Organisation.

"Es fehlt an absolut allem", betonte auch Johanniter-Mitarbeiter Richter: Lebensmittel, Zelte, Decken, Arzneimittel, medizinische Geräte und vor allem Wasser und entsprechende Aufbereitungsmittel. Der Ausbruch von Seuchen sei deshalb nur noch eine Frage der Zeit. Sanitäre Anlagen gebe es faktisch nicht.

Fast zwei Wochen nach dem Zyklon "Nargis" konnte das Deutsche Rote Kreuz am Donnerstag seine erste Transportmaschine mit sechs mobilen Trinkwasseraufbereitungsanlagen sowie 16 Tonnen Hilfsgütern nach Birma schicken. Mit den Aufbereitungsanlagen können 225.000 Liter frisches Trinkwasser pro Tag bereitgestellt werden. In den Paketen mit Hilfsgütern befinden sich nach DRK-Angaben Decken, Kochgeschirr, Zelte und Reinigungstabletten für Wasser. Die Hilfe sollen Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Birma in Empfang nehmen.

Bislang konnte das Internationale Rote Kreuz nur 17 ausländische Helfer nach Birma bringen, darunter einen Deutschen. Er soll die Trinkwasseranlagen aufbauen und betreiben. Die Technik soll später von angelernten einheimischen Helfern betrieben werden.

Eine von Hollywoodstar George Clooney gegründete Organisation spendete für die Opfer des Wirbelsturms in Birma 250.000 Dollar. Die Spende werde über die Organisation Save The Children abgewickelt, weil diese eine der wenigen sei, die in Birma vor Ort vertreten sei, erklärte Alex Wagner, Geschäftsführer von Not On Our Watch. Diese Organisation wurde von Clooney gemeinsam mit anderen "Ocean's Thirteen"-Stars wie Don Cheadle, Matt Damon und Brad Pitt gegründet.

( ap )