Katastrophe: Schicksal Hunderttausender ungeklärt

Tausende Tote bei Erdbeben in China

Etwa 10 000 Menschen sind verletzt. 80 Prozent der Häuser in der Provinz Sichuan sind zerstört. Das Schicksal von einigen Hunderttausend Menschen in anderen schwer betroffenen Gebieten ist ungeklärt. Die Erdstöße hatten eine Stärke von mindestens 7,8 auf der Richter-Skala.

Peking. Bei einem starken Erdbeben in Südwestchina wurden mehr als 8500 Menschen getötet. Es wird davon ausgegangen, dass diese Opferzahlen noch weiter steigen könnten. Tausende Menschen sind unter den Trümmern eingestürzter Häuser und Schulen verschüttet. Allein im Landkreis Beichuan in der südwestchinesischen Provinz Sichuan wurde von möglicherweise 3000 bis 5000 Toten gesprochen, berichtete die Staatsagentur Xinhua. Einige Hunderttausend Menschen sind in schwer betroffenen Kreisen Sichuans wegen zerstörter Straßen und Erdrutschen von der Außenwelt abgeschnitten. Ihr Schicksal ist noch ungeklärt. Das Militär hat Tausende Soldaten, Hubschrauber und Bergungsteams mit Suchhunden entsandt. Das Erdbeben um 14.28 Uhr Ortszeit (8.28 Uhr MESZ) erreichte eine Stärke von 7,8. Erdstöße und Nachbeben waren in Asien bis nach Bangkok oder Peking zu spüren.

Schon dreieinhalb Stunden nach dem Erdbeben waren 107 Tote in den Provinzen Sichuan, Gansu, Yunnan und der Metropole Chongqing bestätigt, wie das Verwaltungsministerium in Peking berichtete. Es wurde befürchtet, dass Zehntausende obdachlos geworden sind. Regenfälle erschwerten das Schicksal der Überlebenden. Die Telefonverbindungen waren unterbrochen. Auch brach das Handynetz wegen des Ansturms besorgter Anrufe zeitweise zusammen. Besonders der Landkreis Wenchuan, wo das Epizentrum lag, sowie Lixian und Maoxian etwa 100 Kilometer von der Provinzhauptstadt Chengdu waren betroffen.

Regierungschef Wen Jiabao flog sofort ins Erdbebengebiet. Auf dem Flug appellierte Wen Jiabao an die beteiligten Funktionäre, besondere Anstrengungen zu unternehmen, um den Opfern zu helfen. "Alles, was wir tun, ist dem Volk zu dienen." Auch Präsident Hu Jintao rief die Behörden zu vereinten Bemühungen auf. Das nationale Erdbebenamt bildete einen Krisenstab mit 180 Mitgliedern, der ebenfalls nach Sichuan reisen wollte. Telefonisch übermittelte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) dem chinesischen Außenminister sein Mitgefühl für die Opfer. Er habe auch deutsche Hilfe angeboten, sagte Steinmeier vor seinem Abflug zu einer fünftägigen Reise nach Russland. Auch die EU-Kommission hat Hilfsbereitschaft signalisiert.

Mit Glück konnte eine Frau in Dujiangyan mit ihrer Tochter aus ihrem fünfstöckigen Haus flüchten. Es war in eine gefährliche Schieflage geraten. Mit anderen Überlebenden harrten sie im Regen ohne jede Hilfe auf einem großen Spielplatz einer Schule aus, als die Dunkelheit anbrach. Mit dem Handy konnte sie nicht telefonieren, aber Kurznachrichten verschicken. "Es ist so traurig", schrieb sie an eine Freundin. "Wir können nicht mehr zurück ins Haus, um unsere Sachen zu holen." Das Haus drohe einzustürzen. Sie hätten keine Schirme oder Jacken gegen den Regen in der Nacht.

In einer einzigen zerstörten Schule in dem Ort sollen fast 900 Schüler verschüttet worden sein. Die dreistöckige Juyuan-Schule stürzte teilweise ein, als in 18 Klassen jeweils 50 Kinder Unterricht hatten, wie Xinhua berichtete. Einige verschüttete Kinder versuchten, sich selbst aus den Trümmern zu befreien. "Andere riefen nach Hilfe", berichtete Xinhua. Trauernde Eltern sahen zu, wie fünf Kräne die Trümmer beseitigten. Zwei Mädchen berichteten, sie seien nur mit dem Leben davon gekommen, "weil sie schneller als die anderen rannten". Dorfbewohner bargen einige Schüler aus den Ruinen. "Einige sind aus dem Fenster gesprungen, und einige wenige sind das Treppenhaus herunter gelaufen, das nicht zerstört wurde."

In der Millionenstadt Chongqing wurden vier Schüler getötet und mehr als 100 verletzt, als zwei Schulen einstürzten, berichtete Xinhua. Im Kreis Mianyang kam ein Mensch ums Leben, als ein Wasserturm umstürzte. Die Erdstöße, Nachbeben und nachfolgende kleinere Beben waren in der gesamten asiatischen Region von Bangkok bis ins 1500 Kilometer entfernte Peking oder in den Hafenstädten Hongkong und Shanghai zu spüren, wo die Wolkenkratzer schwankten. Die Olympiastadt Peking erlebte sieben Minuten nach dem Erdbeben in Sichuan ein Beben der Stärke 3,9. Bürohäuser in der Hauptstadt wurden evakuiert. Ein Seebeben der Stärke 5,1 wurde aus Taiwan gemeldet.

In der Metropole Chengdu in Sichuan rannten die Menschen in Panik auf die Straße, wie Augenzeugen berichteten. "Ich sah keine Gebäude, die eingestürzt waren, doch ich sah einen großen Riss in der Wand eines Hauses", berichtete eine Frau telefonisch. In vielen Städten flüchteten die Menschen in Panik auf die Straßen. Die Flüge in die Provinzhauptstadt wurden vorübergehend eingestellt. Auch der Bahnhof wurde zeitweise gesperrt. In dem schwer von dem Erdbeben betroffenen Kreis Wenchuan nahe Chengdu liegt auch das berühmte Panda-Zuchtgebiet Woolong.

Das Pekinger Erdbebenamt sprach von einer Stärke 8,0, doch gaben andere seismologische Institute in China und den USA die Stärke übereinstimmend mit 7,8 an. Der nur 700 Kilometer vom Epizentrum entfernt gelegene gigantische Drei-Schluchten-Damm am Jangtse-Strom in Zentralchina ist nach offiziellen Angaben nicht vom Erdbeben betroffen gewesen. "Es gibt keine Anzeichen", sagte ein Sprecher des Betreibers laut Xinhua. "Alles läuft normal."

Das Zentrum des Bebens lag nach Messungen amerikanischer Geologen zehn Kilometer unter der Erdoberfläche. Danach wurden 313 Nachbeben gezählt. Die Erschütterungen waren bis nach Thailand, Vietnam und Pakistan zu spüren. Das Beben ereignete sich entlang eines geologischen Grabens, der die eurasische Landmasse von Südostasien trennt und wo die Ebene von Sichuan in das Bergland übergeht, das bis nach Tibet führt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach China ihr Mitgefühl aus und bot Wen Jiabao rasche Hilfe an. Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier übermittelte der chinesischen Regierung sein Beileid. US-Präsident George W. Bush erklärte, die USA seien bereit, in jeder Art und Weise zu helfen.

Das Beben ist das schwerste in China seit 1976, als in der Stadt Tangshan bei Peking 240 000 Menschen ums Leben kamen. 1933 kamen in einer Nachbarregion des Bebens vom Montag mindestens 9000 Menschen ums Leben.