Libanon

Wieder Unruhen in Beirut

Händler schoss auf Trauergesellschaft, mindestens zwei Menschen kamen ums Leben. Libanons Ministerpräsident wirft Hisbollah "bewaffneten Putsch" vor.

Mit einer Kampfansage an die Hisbollah hat der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora auf die blutigen Straßenkämpfe der vergangenen Tage reagiert. Er warf der schiitischen Miliz am Sonnabend einen "bewaffneten Putsch" gegen die Demokratie vor. Seine Regierung könne nicht länger akzeptieren, dass die Hisbollah-Kämpfer ungehindert zu den Waffen griffen, sagte Siniora. Die Armee solle Recht und Ordnung wiederherstellen.

Ein schiitischer Händler eröffnete am Sonnabend das Feuer auf eine sunnitische Trauergesellschaft in Beirut und erschoss dabei zwei Menschen. Sechs weitere wurden verletzt. Die Polizei im Stadtteil Tarik Dschadideh nahm den mutmaßlichen Attentäter fest. Nachbarn identifizierten ihn als ortsansässigen Händler. Er habe geschossen, als der Trauerzug sein Geschäft passiert habe. Die Teilnehmer der Prozession hätten Beleidigungen gegen die Hisbollah ausgestoßen.

Soldaten schützten Ministerpräsident Siniora in seinem Amtssitz. Am Sonnabend äußerte sich der Regierungschef erstmals öffentlich zu den Kämpfen. Dem Traum von Demokratie im Libanon sei "durch den bewaffneten Putsch der Hisbollah und ihrer Verbündeten ein giftiger Stich versetzt worden", sagte er.

Nach offiziellen Angaben fielen den Kämpfen bislang mindestens 25 Menschen zum Opfer, Dutzende weitere wurden verletzt. In Aley östlich von Beirut wurden in der Nacht zum Sonnabend acht Menschen getötet. Ein weiteres Todesopfer gab es in der südlibanesischen Stadt Sidon.

Die Gefechte waren am Donnerstag ausgebrochen, nachdem Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah erklärt hatte, die pro-westliche Regierungsmehrheit von Premierminister Fuad Siniora habe der Opposition "den Krieg erklärt". Hintergrund war eine Entscheidung der Regierung, das verzweigte private Kommunikationsnetz der Hisbollah zu überprüfen.

Dringlichkeitssitzung

Die Außenminister der Arabischen Liga beraten am Sonntag in einer Dringlichkeitssitzung die Lage nach dem jüngsten Gewaltausbruch im Libanon. Das Treffen komme auf Antrag der Regierungen in Ägypten und Saudi-Arabien zustande, teilte die Organisation mit. Beide Länder stützen die pro-westliche Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora im Konflikt mit der radikal-islamischen Hisbollah.

Nach Angaben aus Kreisen der Arabischen Liga wollen die Außenminister die Konfliktparteien auffordern, die Kämpfe einzustellen, umgehend eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden und den bisherigen Armeechef Michel Suleiman zum Präsidenten zu wählen. Auf die Wahl des Generals hatten sich Regierung und Hisbollah, die größte Oppositionskraft, im Grundsatz bereits verständigt. Hisbollah verlangt aber ein neues Wahlrecht vor ihrer Zustimmung zur Besetzung des obersten Staatspostens, der seit Monaten vakant ist.

Es ist die schwerste Krise in dem Land seit fast 20 Jahren. Die Kämpfe könnten Folgen für den gesamten Nahen und Mittleren Osten haben, da sie die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten weiter verschärfen.