60 Jahre Israel: Botschafter Yoram Ben-Zeev zieht im Abendblatt-Interview Bilanz

"Die Beziehungen sind hervorragend"

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Deutschland habe eine bedeutende Rolle in Nahost. Ben-Zeev fordert, die Staatengemeinschaft solle Irans Nuklearaktivitäten stoppen.

Abendblatt: Israel feiert seinen 60. Geburtstag: Was sind die wichtigsten Errungenschaften und Erfolge?

Yoram Ben-Zeev: Es gibt eine ganze Reihe von Errungenschaften, aber die wichtigste ist nach meiner Ansicht, dass Juden zum ersten Mal seit 2000 Jahren das Recht auf ihren eigenen Glauben haben. Das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidungen in Israel werden heute von uns getroffen. Nicht von anderen Nationen. Die andere Errungenschaft ist, dass zum Zeitpunkt der Staatsgründung 600000 Juden in Israel gelebt haben. Heute sind es mehr als sechs Millionen, die aus aller Welt stammen und sich in Israel integriert haben. In dem Zusammenhang ist auch die Wiederbelebung der hebräischen Sprache eine Errungenschaft. Hinzu kommen Erfolge in der Wirtschaft, der Wissenschaft und Forschung und der hohe Standart im Bildungswesen - Israel ist heute ein Tempel der Wissenschaften und des Wissens. Wir haben nach und nach die Wüste erobert und Methoden zur Wassergewinnung erfunden. Was wir noch nicht erreicht haben, ist Frieden mit all unseren Nachbarn. Wir haben Frieden mit Ägypten und Jordanien geschlossen, aber nicht mit den Palästinensern, den Syrern, den Libanesen, nicht mit dem Rest der arabischen Welt.

Abendblatt: Wie bewerten sie die deutsch-israelischen Beziehungen?

Ben-Zeev: Die Beziehungen sind wirklich hervorragend. Exzellent. Ich bin jetzt fünf Monate im Amt, der israelische Ministerpräsident hat Berlin besucht, ich habe Bundeskanzlerin Merkel auf ihrer Reise nach Israel begleitet, bei der die Regierungskonsultationen zwischen beiden Ländern aufgenommen wurden. Aber auch auf anderen Ebenen sind die Beziehungen gut. Zum Beispiel: Die EU hat dieses Jahr zum Jahr der Wissenschaften erklärt - und bereits jetzt hat der israelische Wissenschaftsminister, übrigens ein Araber, eine Delegation von Wissenschaftlern zu einem Erfahrungsaustausch mit Kollegen nach Deutschland begleitet. Außenminister Steinmeier hat mich gebeten, gemeinsam mit ihm Gastgeber für israelische Schriftsteller in Berlin zu sein. Die Beziehungen sind gut, aber natürlich gibt es immer Raum, Beziehungen noch weiter zu vertiefen und auszubauen, auch in den Bereichen Wirtschaft und Handel. Israel ist bereits jetzt einer der größten Handelspartner Deutschlands im Nahen Osten. Und Deutschland ist Israels größter Handelspartner in Europa. So kann Deutschland Israel helfen, seine Verbindungen zum europäischen Markt auszubauen.

Abendblatt: In Umfragen zeigt sich in Deutschland eine zunehmende Israel-Kritik. Wie wollen sie das ändern?

Ben-Zeev: Die meisten dieser Umfragen haben während des Krieges mit dem Libanon stattgefunden. Es stimmt mich traurig, wenn ich einräumen muss, dass die öffentliche Meinung immer mehr durch das Fernsehen beeinflusst wird, nicht nur in Deutschland, in ganz Europa und auch in Israel. Viele machen sich dann über die Hintergründe gar keine Gedanken mehr. Es ist die Zeit der Computer, die Zeit der schnellen Nachrichten. Da müssen zwei Minuten reichen, um die Welt zu erklären. Und Kameras lieben Blut, unglücklicherweise. Aber ich habe bereits jetzt festgestellt, dass ich - nicht ich als Person - sondern Israel in Deutschland sehr warm empfangen wird. Es gibt in Deutschland rund 300 Veranstaltungen aus Anlass des 60. Geburtstages von Israel. Dies zeigt die Verbundenheit der beiden Länder miteinander.

Abendblatt: Was sind für sie die wichtigsten Aufgaben als Botschafter Israels in Deutschland?

Ben-Zeev: Die bilateralen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland weiter auszubauen. Ich möchte Deutschland mehr eingebunden sehen in der Aufgabe, die moderaten Palästinenser beim Aufbau der eigenen demokratischen Institutionen zu unterstützen und ihnen wirtschaftlich zu helfen. Deutschland genießt hohes Ansehen und Vertrauen sowohl bei den Israelis als auch bei den Arabern.

Abendblatt: Soll Deutschland auch die Rolle eines Vermittlers übernehmen?

Ben-Zeev: Am 24. Juni ist Deutschland Gastgeber eines Nahost-Treffens in Berlin. Dabei geht es um Ausbau und Ausbildung der palästinensischen Sicherheitskräfte. Deutschland spielt also bereits eine sehr bedeutende Rolle.

Abendblatt: Sollte Israel im Friedensprozess auch mit der Hamas Gespräche aufnehmen, wenn es überhaupt moderate Hamas-Vertreter geben sollte?

Ben-Zeev: Ich wünschte, das wäre eines Tages der Fall. Ich wünsche mir wirklich, dass die Hamas eines Tages begreift, dass Fanatismus und Radikalismus zu nichts führt. Der Feind ist nicht Israel. Und das weiß die Hamas im Grunde auch. Der Feind ist die Wüste, die Armut, Ignoranz, Hunger. Nicht Israel. Aber das gesteht die Hamas nicht ein. Also wird es noch keine Gespräche geben. Geschichte entsteht auch durch menschlichen Kontakt. Vielleicht wird der menschliche Kontakt den Kurs der Geschichte auch ändern. Dazu müsste die Hamas aber als Minimum das Existenzrecht und die Rechte Israels anerkennen und den Terrorismus bekämpfen.

Abendblatt: Ist der Iran eine Bedrohung für Israel?

Ben-Zeev: Ich will da keine Interpretationen vornehmen. Präsident Ahmadinedschad, der im eigenen Land nicht populär ist, sagt, dass er Israel von der Landkarte tilgen wolle. Wer wissen will, was ein Land vorhat, der muss zuhören, was das Land sagt. Das hat die Vergangenheit gelehrt. Es gibt im Falle Irans zwei Ebenen: die eine ist die offen ausgesprochene Bedrohung Israels und die Unterstützung jeder, wirklich jeder terroristischen Organisation im Nahen Osten, von der Hisbollah über den Islamischen Dschihad bis zur Hamas. Die andere Ebene sind die nuklearen Aktivitäten des Iran. Sollten die Radikalen eines Tages, Gott möge das verhindern, Nuklearwaffen in die Hände bekommen - das wäre eine Katastrophe. Nicht nur für Israel, sondern auch für den Rest der Welt. Darum muss die internationale Staatengemeinschaft den Iran bei seinen Nuklearaktivitäten zu stoppen.

Abendblatt: Zurück zu Israel: Ist der Gedanke des Zionismus noch lebendig?

Ben-Zeev: Ja, aber er hat sich verändert. Die Herausforderungen haben sich verändert. Im Zeitalter der Globalisierung sieht die jüngere Generation nicht den nächsten Baum in Israel, sie sieht Berlin, New York, London und Paris. Es ist heute ein Wettstreit der Ideologien. Die Bedeutung des Zionismus lag früher darin, dass die Juden nach Israel heimkehren. Der Geist des Zionismus liegt heute vor allem darin, Israel zu verteidigen und weitere Einwanderer zu integrieren. Und was für uns außerdem sehr wichtig ist, ist die gute Zusammenarbeit mit Deutschland.

Abendblatt: Befürchten Sie, dass sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel verändern könnten, weil sich die jüngere Generation in Deutschland der Geschichte weniger verpflichtet fühlt?

Ben-Zeev: Ich glaube, Scham und Schuld sind keine guten Instrumente für die Zukunft. Für die Zukunft müssen wir uns aber neue Horizonte eröffnen. Die Lehren aus der Vergangenheit ermöglichen eine bessere Zukunft. Historisch gesehen sind auch die besonderen, die einzigartigen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland und zwischen der jüdischen und der deutschen Kultur eine Lektion aus der Vergangenheit.

Abendblatt: Wie würden Sie gratulieren: Happy Birthday, Israel, ich wünsche Dir vor allem...

Ben-Zeev: ...Frieden. Nur ein Wort. Shalom.

( Interview: Sylvia Wania )