Leserreaktionen zum Meinungsartikel Hellmuth Karaseks über Demenz

Enttäuschend Sehr geehrter Herr Karasek,

ich schätze Ihre Beiträge auf Seite 1 des HA grundsätzlich sehr. In diesem Falle bin ich jedoch im Hinblick auf "Ausdruck" und "Wortwahl" etwas enttäuscht: Sie sprechen an einer Stelle von einer "an die pralle Öffentlichkeit gezerrte(n) Tragödie" und wenige Zeilen später von einem "prallen Bewusstsein". Dabei geht es mir weniger um die berechtigte Frage, ob der Ausdruck "Tragödie" trotz der schrecklichen Entwicklung des Herrn Walter Jens angebracht ist, sondern um den zweifach verwendeten Begriff "prall", der in einem derartigen Text sicherlich deplaziert ist.
Georg Hellenschmidt, Hamburg, per Mail

Artikel nicht gegengelesen? Sehr geehrter Herr Karasek,

dass Sie sich äußern zu dem erschütternden Zustand des kranken Walter Jens, finde ich im Prinzip in Ordnung. Auch der Tenor Ihres Artikels ist sehr akzeptabel.

Aber was ist sprachlich mit dem Artikel passiert? Hat ihn niemand nochmals gegengelesen?

"... eine an die pralle Öffentlichkeit gezerrte Tragödie..." ist bereits eine Formulierung, bei der sich auch der geneigte Leser fragt, ob sie denn wirklich gelungen sei.

Wenige Zeilen später: "..wie da die Demenz ... ins pralle Bewusstsein gerät". Hier erschließt sich einem noch weniger, wie die Prallheit des Bewusstseins zu verstehen sein soll.

Direkt danach: "Wir werden von immer mehr Menschen umgeben sein, die in Wahrheit nicht mehr unter uns sind." Okay.

6 Zeilen später: "Wir werden künftig von einer immer größeren Zahl von Menschen umgeben sein, ...die in Wahrheit nichts mehr mit uns zu schaffen haben."

Was ist da passiert? Sollte das stilistische Mittel der Wiederholung versucht worden sein?

Es gab Zeiten, in denen Sie mit einigem Recht für einen bisweilen brillianten und wortgewaltigen Schreiber gehalten worden sind. In dieser Abendblatt-Kolumne beginnen Sie offenbar zu schwächeln.
Henning Glindemann, Hamburg, per Mail

Karasek missverstanden Hellmuth Karasek verachte die Kranken und Leidenden? Er habe keine Erfurcht vor dem Leben und werde zum Anhänger der Tötungsspritze? Das kann er kaum gewollt haben. Ob solche HA-Leser denselben Karasek gelesen haben wie ich? Sie sind sehr sensibel und mitfühlend, nur nicht für einen Karasek, der Sprache mit Perfektion beherrscht. Er drückt mit seinen Stilmitteln aus, was Lebende und insbesondere Gesunde erschrecken kann und darf. Er spricht für viele. Wer jedoch jemanden missverstehen will, tut dies mit Leidenschaft. Walter Jens wurde in der Öffentlichkeit präsentiert und erfährt nun öffentliches Mitleid. Hellmuth Karasek jedenfalls ehrt Walter Jens mit seinem Leiden.
Johannes Zink, Norderstedt, per Mail

Totschlag mit Worten Sehr geehrter Herr Karasek, sehr geehrte Redaktion des Abendblatts,

gäbe es den Straftatbestand des Totschlags mit Worten, dann gehörten Sie aufgrund dieses Artikels angeklagt. Was soll denn das bedeuten, daß Sie einen lebenden Menschen für tot erklären, als jemanden bezeichnen "der in Wahrheit nicht mehr unter uns ist"? Zugegeben: Die Demenz ist eine schwere Erkrankung und sehr schmerzhaft sowohl für den Patienten als auch für die Angehörigen, die Trauer und Verzweiflung empfinden angesichts des zunehmenden Abbaus ihrer Partner, Eltern, Freunde. Und: Als frühere Gymnasiallehrerin für Deutsch und Englisch und heutige Altenpflegerin in der besonderen Betreuung von Menschen mit Demenz kann ich natürlich ermessen, welcher Abstand besteht zwischen einem Professor Walter Jens im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und dem an Alzheimer erkrankten Professor Walter Jens.

Dieser Mensch ist doch nicht tot! Und er kann sich auch nicht, so wie Sie behaupten "niemanden mehr ... zuwenden". Er kann, wie es seine Frau Inge Jens es in dem wunderbaren Interview im Stern beschreibt, spüren, "ob es einer gut mit ihm meint, oder nicht". Und er kann sich freuen, er kann über Berührung Kontakt aufbauen und er kann auch noch manchmal in Gesprächskontakt treten und Gefühle äußern. Oder, wie dort Hans Küng zitiert wird: "Der Geist ist weg, aber das Gefühl ist da."

Es stimmt schon, er kann sich in der Form niemanden mehr zuwenden, als er nicht mehr die intellektuelle Eitelkeit seines früheren Bekanntenkreises befriedigen kann, mit dem herausragenden Professor im geistigen Austausch zu stehen und von ihm mit Namen gekannt zu werden. Aber in dem Interview wird auch ein früheres Interview mit Walter Jens zitiert, indem es um die Lage seiner Grabstätte geht, und wo er sich keinen repräsentativen Platz, sondern einen Platz "bei de Leut" wünscht. Und daß einige dieser "Leut", z.B. die Verkäuferin im Supermarkt, nun besser wissen, was ihm gut tut, als manche klugen Köpfe und sich mit ihm ganz selbstverständlich über seine Leberkässemmel freuen und ihn damit in seinem Wert als lebendigen, fühlenden Menschen bestätigen, ohne vorher geistige Purzelbäume zu schlagen, das ist doch einfach toll.

Und noch etwas: Die Dame, die Frau Jens bei der Pflege Ihres Mannes unterstützt, wird in dem Interview als "Pflegerin" bezeichnet und sie wird sogar in Wertschätzung ihrer Person mit Namen genannt. In ihrem Artikel ist daraus ein "Wärter" geworden - Zoowärter? Gefängniswärter? Irrenhauswärter? - alles Begriffe, die inzwischen längst durch andere ersetzt wurden, die den pflegerischen und therapeutischen Aspekt dieser Berufe betonen. Statt mit der Wahl solcher Begriffe die Angst vor einer Demenz und den Schrecken vor allem, was damit zu tun hat zu schüren, wäre es angesichts der gesellschaftlichen Realität doch eher an der Zeit, darauf hinzuwirken, daß das Wissen über diese Erkrankungen immer mehr zur Allgemeinbildung wird.

Wir müssen erst noch lernen, wieviel "Gefühlsklugheit" z.B. ein Mensch, der an einer Demenz leidet, haben kann, denn wie kein anderer kann er echten menschlichen Kontakt von Heuchelei und falschem Mitleid unterscheiden. Und auch unter diesem Aspekt finde ich es wunderbar, daß Frau Jens ihren Mann unter die Leute gehen läßt, auch wenn dies natürlich vor allem ihrem Mann zu gute kommt.
Gabriele Keßler, Hamburg, per Mail

Er lebt und ist doch tot Der Literaturprofessor Karasek hat Angst vor seinem demenzkranken Kollegen Walter Jens. Darum spricht der Bildungsbürger Karasek sein Urteil: "Ein tiefer Sturz, ein lebender Tod." Das ist Wasser auf die Mühle des Justizsenators a.D. Roger Kusch mit seiner Todesspritze für Schwerkranke. Es ist keine gute Nachricht für die Demenzkranken. Keine gute Nachricht für die Angehörigen und die Pflegekräfte der Demenzkranken in Deutschland. Karasek nennt sie "Wärter" ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Keine gute Nachricht für Walter Jens, sondern "der Anfang vom schrecklichen Weg ins Ende" à la Karasek und Kusch.
Michael Dürrwächter, Hamburg, per Mail

Ich bin entsetzt über die Sprache, mit der Herr Karasek über Menschen schreibt, die an Demenz erkrankt sind. Der Gipfel des Beitrags ist das Wort "Wärter" für einen Menschen, der Herrn Jens begleitet. Herr Jens ist weder ein Tier noch ein Gefängnisinsasse. "Was in ihm (Jens) vorgeht, lässt sich kaum ahnen". In der Tat: Wissen wir, wo das Erleben und Erfühlen und somit das Menschsein aufhören? Sind wir ohne Geist nichts mehr? Es ist gut, wenn diese Erkrankung aus der Tabuzone geholt wird. Das hilft den Betroffenen ebenso wie den Angehörigen und uns allen, die nicht wissen, wie unser Leben im Alter sein wird. Ich befürchte, dass Herr Karasek mit seinem Beitrag die Angst (auch seine eigene) vor der Demenz schürt und damit das Verdrängen, nicht-wahrhaben-Wollen unserer Vergänglichkeit, unserer Verletzbarkeit, unserer Endlichkeit. Ein "Zeitzeichen" ist weniger die Demenz als vielmehr diese Berührungsangst, das Leugnen und Wegsehen.

Falls Herr Karasek provozieren, zum Nachdenken anregen wollte, so ist dieser Bericht dafür nicht geeignet, denn Herr Jens kann sich nicht wehren. Stattdessen brauchen wir Informationen, wie wir Menschen unterstützen können, die dement werden.
Regine Böttcher, Hamburg, per Mail

Fatales Unverständnis Sehr geehrter Herr Karasek,

Ihr Kommentar zeugt von einem fatalen Unverständnis der wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Krankheitsbild Demenz, die individuelle Entwicklung und die Erlebniswelt von Menschen mit Demenz. Welchen Maßstab legen Sie an ? Ihre Überschrift und die katastrophale Kombination von Worten wie - wirr, stumpf, ausdrucksleer, vegetieren, verkümmern, verenden (die kleinen Fragezeichen ändern nichts an der Wirkung) Wärter, Leberkäsesemmel - lassen mir als pflegende Angehörige und langjährige Leiterin der Arbeitsgruppe Demenz der Wandsbeker Pflegekonferenz den Atem stocken und sind ein Schlag ins Gesicht für alle engagierten Menschen, die sich für die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz und für ihr Wohlbefinden konstruktiv einsetzen. Ihre Sichtweise provoziert und verfestigt ein gesellschaftliches Klima, in dem ein ehemaliger Hamburger Senator eine unsägliche Selbsttötungsmaschine anpreisen kann und der Schritt zur aktiven Sterbehilfe für ja "eigentlich Tote" nicht mehr weit zu sein scheint. Lassen Sie mich kurz den Psychiater Ladislav Volicer zitieren:" Viele behaupten, Demenzpatienten würden früher oder später in einem Stadium dauerhaften Dahinvegetierens enden. Dem widerspreche ich ganz entschieden. Es ist wichtig anzuerkennen, dass Menschen mit stark fortgeschrittener Demenz noch immer empfindsame Wesen sind, die ihre Umwelt bewusst wahrnehmen und einen Anspruch auf stimulierende, Lebensqualität und Wohlbefinden fördernde Begegnung haben."
Antje Graßhoff, Hamburg, per Mail


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