Paris: Olympische Flamme für 20 Minuten erloschen

Fackellauf in der Seine-Metropole abgebrochen

Schulterschluss in Peking, Chaos in Paris: Nur wenige Stunden nachdem die Olympische Bewegung den Druck auf China erhöht hatte, mussten die Gastgeber die symbolhaften Bilder von der erloschenen Olympischen Flamme im fernen Europa mitansehen. Unter Polizeischutz wurde der Fackelträger am Fuße des Eiffelturms in einen Bus gebracht.

Paris/Peking. Mehrere Tausend pro-tibetanische Demonstranten sorgten für tumultartige Szenen in der französischen Hauptstadt. Für etwa zwanzig Minuten war die Fackel - nach Polizeiangaben aus technischen Gründen - erloschen.

Der für 28 Kilometer geplante olympische Fackellauf durch Paris wurde dann wegen zahlreicher Proteste gegen die chinesische Tibetpolitik abgebrochen. Die Polizei entschloss sich, aus Sicherheitsgründen den Fackellauf zu beenden. Die Fackel wurde mit einem Bus zum Ziel gebracht.

Zuvor hatten in Peking alle 205 vom IOC anerkannten Nationalen Olympischen Komitees (ANOC) ihren Start bei den Spielen vom 8. bis 24. August angekündigt. Allerdings wurde die chinesische Regierung gleichzeitig aufgefordert, eine friedliche Lösung in Tibet zu finden. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, mahnte nach wochenlangem Schweigen deutlich wie nie zuvor eine "rasche und friedliche Lösung in Tibet" an. Die Reaktion des chinesischen Organisationskomitees (BOCOG) folgte prompt. Die Olympischen Spiele sollten als großartiges Sportereignis "von der Politik ferngehalten werden", sagte BOCOG-Sprecherin Wang Hui vor Medienvertretern in Peking.

Während die Bilder von den Ausschreitungen in Paris, die der US- Nachrichtensender CNN in China via Satellit verbreitete, durch die Zensur immer wieder in Bild und Ton gestört wurden, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua die mahnenden und unmissverständlichen Worte des Ober-Olympiers Rogge in vollem Wortlaut. "Gewalt, in welcher Form auch immer, verträgt sich nicht mit den Werten des Fackellaufs und den Olympischen Spielen. Ich bin sehr besorgt über die internationale Situation und was in Tibet passiert. Das IOC fordert eine schnelle und friedliche Lösung in Tibet", sagte Rogge beim Treffen der olympischen Familie im feudalen "China World Hotel" - noch bevor es in Paris zu den Tumulten kam.

Die Nationalen Olympischen Komitees (NOK) nahmen die verbale Steilvorlage des Belgiers, der erstmals auch in China öffentlich als Verfechter der Menschenrechte auftrat, brav auf. Einstimmig verabschiedeten sie die Erklärung, von der sich die Sportwelt Signalwirkung verspricht: "Wir nehmen an den Spielen teil."

Zugleich aber riefen die NOKs zur vernünftigen Klärung der Tibet- Frage auf. Sie forderten Meinungsfreiheit für die Athleten und verurteilten einen potenziellen Missbrauch der Spiele. Durch die demonstrative Einigkeit der Olympischen Familie hatte Rogge den erhofften verheißungsvollen, wenn auch alles andere als ungestörten Start in die olympische Woche.

"Unsere Erwartungen wurden erfüllt. Es war ein sehr erfreulicher Tag mit wichtigen Aussagen", kommentierte IOC-Vizepräsident Thomas Bach. "Aus dem Selbstverständnis des Sports war es die logische Entwicklung und gerade zum jetzigen Zeitpunkt eine ganz wichtige Entscheidung und das richtige Signal an die Athleten." Die NOK- Spitzenfunktionäre drängten das IOC auch zu einer klaren Stellungnahme in Sachen Meinungsfreiheit der Athleten.

Die Olympische Charta verbietet politische, religiöse und rassistische Demonstrationen an olympischen Wettkampfstätten. Doch was ist Propaganda - was nicht? Die deutsche Degenfechterin Claudia Bokel machte sich als Athletensprecherin der Europäischen NOKs (ENOC) für "mündige Athleten" stark.

Die Weltmeisterin von 2001 erreichte immerhin, dass ihr Vorschlag der freien Meinungsäußerung im Rahmen der Charta-Bestimmungen am Donnerstag vor der IOC-Exekutive diskutiert wird. Wie unterschiedlich die Einstellungen der NOK-Vertreter in dieser Frage jedoch waren, zeigte eine Äußerung aus dem NOK des Tschads. Generalsekretär Idriss Dokony Adiker meinte: "Athleten sollen nicht denken. Sie sollen an den Spielen teilnehmen."