Tibetische Mönche protestieren vor Reportern

Mit einem gewagten Protest haben Mönche in Lhasa vor ausländischen Journalisten gegen Chinas Fremdherrschaft in Tibet demonstriert. Während des streng reglementierten Besuchs der Reporter rief ein junger Mönch: „Tibet ist nicht frei“.

Besorgt über die Niederschlagung der zweiwöchigen Unruhen rief US-Präsident George W. Bush den chinesischen Staats- und Parteichef Hu Jintao in einem Telefongespräch zu einem "substantiven Dialog" mit dem Dalai Lama, dem religiösen Oberhaupt der Tibeter, auf. Das Außenministerium in Peking nannte Tibet am Donnerstag eine "innere Angelegenheit" und verwahrte sich gegen jede ausländische Einmischung. Aus Protest gegen Chinas Vorgehen in Tibet kündigte Polens Ministerpräsident Donald Tusk als erster europäischer Regierungschef an, der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking fernzubleiben.

Rund 30 buddhistische Mönche nutzten eine sorgfältig organisierte Visite von 27 ausländischen Reportern am Donnerstag im Jokhang-Tempel im Herzen von Lhasa für ihre Aktion: "Tibet ist nicht frei, Tibet ist nicht frei", rief ein junger Mönch und brach in Tränen aus. Die von chinesischen Funktionären auf Schritt und Tritt begleiteten ausländischen Korrespondenten wurden aufgefordert: "Glaubt denen nichts. Sie legen euch nur rein, sie lügen", berichtete der Journalist Calum MacLeod ("USA Today") telefonisch der Deutschen Presse-Agentur dpa in Peking. Andere Mönche hätten gerufen, der Dalai Lama habe nichts mit den anhaltenden Protesten zu tun. Aufgeregt hätten die amtlichen Begleiter die Journalisten aufgerufen, den Ort des Protestes zu verlassen, und sie weggezogen.

Chinas Regierung organisiert am Wochenende auch eine Reise für westliche Diplomaten nach Tibet. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa in Peking vom Donnerstag werden ranghohe Diplomaten aus 17 Botschaften nach Lhasa reisen, um sich ein Bild von der Lage nach den Unruhen zu machen, darunter auch ein deutscher Vertreter. Weder die deutsche Botschaft in Peking noch das chinesische Außenministerium wollten die Reise auf Anfrage bestätigen.

In seinem Telefongespräch mit Hu Jintao forderte Bush eine Aufhebung der Beschränkungen für ausländische Journalisten und des Reiseverbots für Tibet und andere tibetisch bewohnte Unruheregionen. Chinas Präsident entgegnete ihm, in Lhasa habe es "keineswegs friedliche Demonstrationen" oder "gewaltlose Aktionen" gegeben, wie der Dalai Lama behaupte, sondern "unverhüllte, ernste und gewalttätige Verbrechen."

Der britische Premierminister Gordon Brown schloss einen Boykott der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking aus. "Großbritannien wird an der Zeremonie für die Olympischen Spiele teilnehmen", sagte er am Donnerstag im Beisein des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der einen Boykott der Veranstaltung erneut nicht ausschließen wollte. Sarkozy will sich im Rahmen der französischen EU-Ratspräsidentschaft, die im Juli beginnt, "mit meinen Kollegen aus den anderen Mitgliedstaaten beraten, ob wir boykottieren sollten oder nicht."

Seinen Verzicht auf eine Teilnahme an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele begründete Polens Ministerpräsident Donald Tusk damit, dass ihm die Anwesenheit von Politikern bei der Zeremonie "unpassend" erscheint, wie die polnische Zeitung "Dziennik" berichtete. Zu Überlegungen auch anderer Politiker, bei der Feier in Peking nicht dabei zu sein, sagte das Außenministerium in Peking, das sei Sache der nationalen olympischen Komitees.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) wegen deren Reaktion auf die Proteste in Tibet scharf kritisiert. "Die Sportverbände machen sich keine ernsthaften Gedanken darüber, wie die Menschenrechtslage in Tibet verbessert werden kann", sagte Dirk Pleiter von der deutschen Amnesty-Sektion den "Ruhr Nachrichten" (Donnerstag). "Sie setzen darauf, dass Olympische Spiele automatisch die Kraft des Guten sind. Das ist verantwortungslos und blauäugig", erklärte Pleiter. Das IOC hat sich entschieden gegen einen Boykott der Olympischen Spiele ausgesprochen.