Frankreich: Prozessauftakt

"Jungfrauenmörder" sorgt für Eklat

Der geständige Serienmörder Michel Fourniret stellt zum Beginn seines Verfahrens klare Bedingungen. Er fordert den Ausschluss der Öffentlichkeit, ehe er aussagen werde.

Charleville-Mezieres. Der Prozess in der Ardennenstadt hatte wegen des großen Medienandrangs und der scharfen Sicherheitsvorkehrungen erst mit einer halbstündigen Verspätung begonnen. Nach der Aufforderung des Richters, sich zum Auftakt des Prozesses zu identifizieren, hielt Fourniret am Donnerstag einen Zettel an den Glaskasten, in dem er saß: "Ohne geschlossene Türen Mund zugenäht."

Bisher hatte Fourniret sieben Morde bereits gestanden, gegen ihn laufen aber Verfahren wegen zwei weiterer Morde, die separat verhandelt werden. Nach den noch laufenden Ermittlungen könnte er bis zu 15 Frauen ermordet haben, Dutzende weitere Morde werden auf seine Täterschaft hin untersucht.

In seiner Erklärung zum Prozessauftakt wollte Fourniret sich seinem Verteidiger Philippe Jumelin zufolge an die Familien der Opfer wenden. In ihrem Interesse fordere er den Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch das Schicksal seiner Frau Monique Olivier mache im Sorge, sagte Jumelin der Zeitung "Figaro". Der Anklage zufolge hat Olivier ihrem Mann die Opfer zugeführt und ihm bei seinen Sexualverbrechen aktiv geholfen. Sie soll noch vor dem ersten Mord einen Pakt mit Fourniret geschlossen haben, in dem sie Fourniret Hilfe bei der Jungfrauenjagd als Gegenleistung für eine "Strafaktion" gegen ihren früheren Ehemann zusagte.

Der Prozess in der Ardennenstadt Charleville-Mezieres ist einzigartig in der Geschichte Frankreichs: Zum ersten Mal ist ein Ehepaar wegen einer derartigen Mordserie angeklagt. Ihre Taten begingen die beiden von 1987 bis 2001. 2003 gelang einem Mädchen die Flucht aus Fournirets Wagen. Sie alarmierte die Polizei, und das Paar wurde festgenommen.

"Wir wollen keine neuen Einzelheiten erfahren, das Leid ist schon so kaum zu ertragen", sagte Francis Brichet. Seine zwölfjährige Tochter Elisabeth wurde 1989 in Belgien entführt. Fourniret gab an, sie vergewaltigt und am folgenden Tag erwürgt zu haben. Ihre Leiche verscharrte er auf seinem Anwesen in Ostfrankreich.

"Im Prozess geht es darum, dass die Opfer gewürdigt werden, dass man von ihnen spricht", sagte der Anwalt der Familie, Jean-Maurice Arnould. Dass Fourniret das Verfahren boykottiert, macht die Angehörigen noch verzweifelter. "Eine weitere Verhöhnung der Opfer", sagte Marie-Noelle Bouzet, Mutter eines von Fourniret vergewaltigten Mädchens.

Die Zivilkläger wollen auch wissen, warum die Justiz Fourniret nicht früher stoppte. Schon 1966 wurde er wegen sexueller Belästigung Minderjähriger verurteilt. Ins Gefängnis musste er zum ersten Mal im Jahr 1984, verurteilt wegen sieben Vergewaltigungen. Doch schon drei Jahre später war er wieder auf freiem Fuß und setzte seine "Jagd auf Jungfrauen", wie er es bezeichnete, fort.

Der Täter, der ein Doppelleben als Maurer, Waldarbeiter oder Kantinenangestellter im französisch-belgischen Grenzgebiet führte, brüstete sich bislang mit seinen Verbrechen. "Ich bin schlimmer als (der belgische Kinderschänder Marc) Dutroux", schüchterte er eines seiner Opfer ein.

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