Berlin: Bundestag nimmt Abschied

Staatsakt für Annemarie Renger

Bedeutende Parlamentarierin, leidenschaftliche Demokratin: Bundestagspräsident Norbert Lammert und Altkanzler Gerhard Schröder haben die verstorbene Parlamentspräsidentin gewürdigt.

Berlin. Bedeutende Parlamentarierin, leidenschaftliche Demokratin: In einem Staatsakt für Annemarie Renger haben Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Altkanzler Gerhard Schröder heute die verstorbene Parlamentspräsidentin gewürdigt. Sie war vor zehn Tagen im Alter von 88 Jahren einer langen, schweren Krankheit erlegen.

"Es gibt Persönlichkeiten, von denen man sagen darf, sie haben Parlamentsgeschichte geschrieben - Annemarie Renger gehört zweifellos dazu", sagte Lammert über seine Vorgängerin. Sie war 1972 für vier Jahre als erste Frau zur Präsidentin des Bundestags gewählt worden und damit "erste Frau der Welt an der Spitze eines frei gewählten Parlaments", wie der CDU-Politiker sagte.

Zuvor sei sie bereits als erste Frau parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion und SPD-Präsidiumsmitglied geworden. Sie habe an sich oder an ihrer Partei nie gezweifelt, sagte Lammert. Dennoch habe sie sich bisweilen die Freiheit genommen, in wichtigen Fragen gegen die eigene Fraktion zu stimmen. Dies erinnere an eine "Verfassungslage, die weder an Verbindlichkeit, noch an aktueller politischer Relevanz eingebüßt hat", sagte Lammert wenige Tage nach der Debatte über die hessische SPD-Abgeordnete Dagmar Metzger.

Der frühere Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende Schröder erinnerte an die starken sozialdemokratischen Wurzeln Rengers, deren Eltern sich in der Arbeiterbewegung engagierten. Während der NS-Zeit wurde ihr Vater dafür verfolgt, sie selbst musste die Schule wechseln. Obwohl sie im Krieg ihren Mann und drei Brüder verloren habe, sei sie nach 1945 bereit gewesen, "den Kampf für eine bessere Zukunft aufzunehmen", sagte Schröder. Sie wurde Mitarbeiterin und Vertraute des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher.

Die SPD sei für sie nicht nur politische Interessenvertretung, sondern eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten gewesen, in der Politik habe sie das Gemeinwohl über Einzelinteressen gestellt. "Die SPD ist zu recht stolz auf diese Kämpferin für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit", sagte Schröder.

Renger gehörte dem Bundestag von 1953 bis 1990 an. Von 1972 bis 1976 war sie dessen Präsidentin, danach Vizepräsidentin. Sie wurde für ihr Engagement für die deutsch-israelische Aussöhnung mit mehreren Preisen geehrt.