Zweite IGLU-Studie in Berlin präsentiert

Migrantenkinder haben es schon in Grundschulen schwer

Der deutsche IGLU-Koordinator Wilfried Bos überraschte am Mittwoch die ansonsten kummergewöhnten Kultusminister mit frohen Botschaften: Deutschlands Grundschüler schneiden bei der neuen internationalen Studie mit ihrem Lese- und Textverständnis noch ein wenig besser als beim ersten Test 2001 ab.

Die Zahl der sogenannten Risikokinder ist gesunken und auch Migrantenkinder holen in der vierten Grundschulklasse etwas auf.

Doch wäre da nicht der alte Schandfleck des deutschen Schulsystems: In keinem anderen Industrieland der Welt ist der Bildungserfolg so abhängig von der sozialen Herkunft wie in Deutschland. Zahlreiche Studien - deutsche wie internationale - haben dies in der Vergangenheit immer wieder belegt. IGLU liefert erneut einen Beweis dafür und lenkt den Blick auf die umstrittene Grundschullehrer-Empfehlung über die weitere Schullaufbahn zum Ende der vierten Klasse. Außer in Deutschland - und zum Teil noch in Österreich - werden in keinem anderen vergleichbaren Staat bereits Zehnjährige auf unterschiedliche Schulformen verteilt.

Für die Kinder von Ärzten, Professoren oder Managern ist es in der Deutschland selbstverständlich, dass sie nach der Grundschule den "Königsweg" Gymnasium wählen um wie ihre Eltern dort das Abitur zu erlangen. Um dafür die Empfehlung ihres Grundschullehrers zu bekommen, reichen Oberschichtkindern laut IGLU selbst nur mäßige Leistungen aus. Die Lehrer vertrauen darauf, dass die Eltern dies mit teuer Nachhilfe oder Zusatzangeboten später schon richten werden.

Unterschichtkinder hingegen müssen nahezu höchstbegabt sein, wenn sie eine solche Empfehlung bekommen wollen. Auch trauen sich ihre Eltern oft nicht, sie trotz einer abschlägigen Lehrempfehlung dennoch zur höheren Schule zu schicken. Seit dem deutschen PISA-Schock von 2001 hat aber gerade diese in der pädagogischen Fachwelt umstrittene Schullaufbahnempfehlung als Hürde vor dem Gymnasium wieder deutlich an Bedeutung gewonnen - laut IGLU aber eben nur für die Kinder aus einfachen Familien.

Eindringlich warnte Bos vor Lehrerschelte. Dies sei ein "institutionelles Problem". Lehrer hätten oft den Eindruck, dass sich das Unterschichtkind trotz seiner Intelligenz gleichwohl in der ihm fremden Welt des Gymnasiums überfordert fühlen könnte. Dies mische sich gleichzeitig mit der Sorge der Eltern, sie könnten ihrem Kind nicht helfen. Bos ließ dabei außer Frage, dass hier dennoch etwas geschehen müsse: "Wir verschenken ansonsten Potenziale." Und das könne sich Deutschland nicht leisten.

So sehr Kultusminister-Präsident Jürgen Zöllner (Berlin/SPD) und Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gemeinsam das gute deutsche IGLU-Abschneiden in Sachen Leistung feierten: IGLU wird nicht nur wegen der ungelösten Probleme beim Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium die Schulstrukturdebatte in Deutschland weiter anheizen. Zweimal hat die deutsche Grundschule jetzt gute Noten bekommen. Bei PISA ist zweimal die Sekundarstufe eins mit den Klassen fünf bis zehn heftig kritisiert worden. Was geschieht also in den Jahren nach der Grundschule?

In den nächsten Tagen kommen neue PISA-Ergebnisse. Erwartet werden optimale deutsche Ergebnisse in den Naturwissenschaften. Doch viele fürchten, dass über dem allgemeinen Jubelschrei über dieses Ergebnis die vielen anderen deutschen Schulprobleme schnell wieder in Vergessenheit geraten.