Jahresteuerung bei 3,0 Prozent

Preisschock für Verbraucher - Ökonomen warnen vor Panik

Die höchste Inflationsrate seit Februar 1994 dämpft ausgerechnet zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts die Konsumlust vieler Menschen in Deutschland.

"Es reicht schon, an der Tankstelle vorbeizufahren, um sich ärmer zu fühlen", beschreibt Andreas Scheuerle von der DekaBank die Situation. Der Volkswirt warnt jedoch trotz einer Jahresteuerungsrate von 3,0 Prozent im November vor Panik: Mindestens die höhere Mehrwertsteuer als Inflationstreiber werde im kommenden Jahr nicht mehr so stark ins Gewicht fallen. Die meisten Ökonomen gehen denn auch davon aus, dass die Inflationsrate 2008 wieder unter die kritische Marke von 2,0 Prozent sinken wird.

"Die jetzige Inflationsrate sieht grausiger aus als sie ist", sagt Scheuerle. Treiber sei vor allem die Anhebung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent zu Jahresbeginn, zudem seien die Energiepreise 2006 noch deutlich niedriger gewesen. "Diese Basiseffekte wachsen sich aus, so dass schon wieder entspanntere Zahlen in Sicht sind." Auch die Experten der Commerzbank betonen, die Kernteuerungsrate - also der Wert ohne Energie und Nahrungsmittel - zeige "in der Tendenz sogar leicht nach unten". Der Preisauftrieb sei "weiterhin sehr moderat", wenn man berücksichtige, dass die Mehrwertsteuererhöhung gut einen Prozentpunkt der Rate ausmache.

Die hohe Inflationsrate sei "eine Verkettung unglücklicher Umstände", meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Gleichwohl haben die 3,0 Prozent eine psychologische Wirkung, das ist eine sehr hohe Inflationsrate, da gibt es nichts kleinzureden." Zudem wird die "gefühlte Inflation" von Experten mindestens doppelt so hoch geschätzt. Die Teuerung schmälere die reale Kaufkraft, sagt Krämer - und dämpfe so den Konsum, den viele Volkswirte nach langer Durststrecke schon als wichtigste Stütze das deutschen Wirtschaftswachstums im kommenden Jahr in ihre Prognosen eingerechnet hatten.

Dass sich die Europäische Zentralbank (EZB) durch den neuen Höchststand in Deutschland in ihrer Zinspolitik beeinflussen lässt, halten Experten für unwahrscheinlich. Zwar gilt für die Notenbank Preisstabilität bei Raten knapp unter 2,0 Prozent gewahrt und hohe Inflation ist für sie ein Argument, die Zinsen zu erhöhen und damit Kredite zu verteuern. In Europa hatte die jährliche Inflationsrate im Oktober bereits 2,6 Prozent erreicht. Wegen der anhaltenden Anspannung an den internationalen Finanzmärkten und Sorgen vor einer Abkühlung der Konjunktur hält die EZB die Zinsen im Euro-Raum derzeit aber stabil bei 4,0 Prozent. Für 2008 erwartet die EZB Entspannung an der Preisfront.

Dennoch hatte sich die EZB in ihrem jüngsten Monatsbericht besorgt über die hohe Inflation im Euro-Raum gezeigt. Die Währungshüter fürchten, dass die gestiegenen Preise - vor allem für Kraftstoffe und Lebensmittel - sowie die gute Lage in Unternehmen und am Arbeitsmarkt Tarifparteien zu überhöhten Lohnsteigerungen verleiten könnten. Das könnte eine Spirale von steigenden Löhnen und steigenden Preisen in Gang setzen. "Es ist daher von entscheidender Bedeutung, dass alle Beteiligten ihrer Verantwortung gerecht werden", mahnten die Notenbanker.

Nach Einschätzung der Deutschen Bundesbank sind parallel mit dem Anstieg der Verbraucherpreise auch die Konjunkturrisiken größer geworden. Doch die Bremswirkung für die deutsche Wirtschaft halten die meisten Fachleute für begrenzt: Die deutsche Industrie sei in einer robusten Verfassung. Und auch der private Konsum wird nach Einschätzung von DekaBank-Volkswirt Scheuerle trotz zunehmender Inflationsangst nicht wieder völlig einbrechen: "Die Zeiten als Sorgenkind sind vorbei, auch wenn der Konsum die Konjunktur 2008 nicht mehr so stützen wird wie erhofft."