Fußball: Politik fordert Ligastopp in Italien

Staatsanwalt klagt Randalierer wegen "Terrorismus" an

Die guerillaartige Revolte italienischer Fans zwingt den Fußball im Land des Weltmeisters in die Knie und lässt Politik und Justiz nach drakonischen Konsequenzen rufen. Polizist gesteht Todesschuss

Einen Tag nach dem tödlichen Polizei-Schuss auf einen Lazio-Anhänger und den folgenden massiven Krawallen klagte die Staatsanwaltschaft in Rom Randalierer am Montag erstmals wegen "terroristischen Aktionen" an. Staatspräsident Giorgio Napolitano nahm auf einem Staatsbesuch in Doha Stellung zu den Ereignissen in der Heimat. "Ich bin sehr besorgt", sagte er und beklagte, dass die "Fernsehbilder der Ausschreitungen in der ganzen Welt zu sehen waren".

Am kommenden Wochenende muss der Ball ruhen, forderte Sportministerin Giovanna Melandri einen Tag nach dem unabsichtlichen Todesschuss eine "Denkpause" und löste damit heftigen Streit aus. Ein Stopp der Ligen sei "unangebracht und riskant", entgegnete Fußballverbandspräsident Giancarlo Abete, bevor das Innenministerium am Montag über Maßnahmen zur Eindämmung der Gewalt beriet.

In Italien wird der Fußball immer mehr zur Geisel krimineller Randalierer, die diesmal ein tragisches Unglück als Rechtfertigung für ihren Krieg gegen die Polizei missbrauchten. Die Römer Staatsanwälte vermuten organisierte Angriffe mit politischem Hintergrund hinter den jüngsten Fan-Krawallen und erhoben daher Terrorismus-Anklage. "Mit Fußball hat das gar nichts zu tun", sagte Italiens Nationaltorhüter Gianluigi Buffon.

Der getötete Lazio-Anhänger kam auf dem Autobahnrastplatz durch den Fehler eines Polizisten ums Leben. "Ich habe erst einen Warnschuss in die Luft abgegeben, der zweite Schuss hat sich beim Laufen gelöst", sagte der Polizist der Zeitung "Corriere della Sera". Er habe aus 200 Metern Entfernung auf "niemanden gezielt", betonte der Beamte, der prügelnde Fans von Lazio und Juventus Turin trennen wollte. "Ich bin ruiniert, ich habe zwei Familien zerstört, die des Jungen und meine eigene", sagte der 31-jährige. Gegen ihn ist ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eröffnet worden.

Der Bruder des Getöteten warf dem Polizisten vorsätzlichen Mord vor und heizte damit die explosive Stimmung an. "Ihr habt ihn umgebracht", behauptete der Anwalt. Innenminister Giuliano Amato versprach eine "rückhaltlose Aufklärung". Oppositionspolitiker warfen ihm Versagen vor. Er könne die Sicherheit der Bürger nicht mehr garantieren. Sie forderten seinen Rücktritt sowie einen Ligastopp für einen Monat.

Am Dienstag muss Amato das Parlament über die Fußballkrise informieren, die die "La Gazzetta dello Sport" als "nationalen Notstand" bezeichnete. "Die Polizei wird ihre Verantwortung übernehmen", sagte Italiens Polizeichef Antonio Manganelli am Montag. Der Kollege werde nicht gedeckt, versicherte auch der zuständige Polizeichef von Arrezzo. Die Autopsie des Getöteten war für Montagnachmittag anberaumt. In Italien würden Menschenleben mit zweierlei Maß gemessen, schimpfen die Fans. Als am 2. Februar der Polizist Filippo Raciti bei Fan-Ausschreitungen in Catania erschlagen wurde, sagte der Fußballverband (FIGC) sofort alle Spiele ab, zwei Wochen ruhte der Ball. Für den getöteten Lazio-Fan wollte Polizeichef Manganelli nach Angaben der "La Gazzetta dello Sport" gegen den ausdrücklichen Wunsch von FIGC und Nationalem Olympischen Komitee (CONI) am Sonntag zunächst gar kein Spiel absagen. Erst Lazios Weigerung zu spielen und die Fan-Randale führte zu den Absagen.

Die meisten Politiker forderten ein hartes Vorgehen gegen Randalierer und einen Spielstopp, einige zeigten aber auch Verständnis für die Wut der Fans: "Der Waffengebrauch darf nur im Extremfall erfolgen", äußerte Parlamentspräsident Fausto Bertinotti Unverständnis für den Polizeieinsatz am Sonntag, der die Fan-Randale in mehreren Städten ausgelöst hatte. Die Ligaspiele in Mailand und Rom wurden abgesagt, die Partie zwischen Bergamo und AC Mailand wegen Randale nach sieben Minuten abgebrochen.

Bei schweren Krawallen in Rom gab es nach neuesten Polizeiangaben 40 Verletzte. Vier Personen wurden festgenommen. "Straßenkampf von Mailand bis Taranto", schrieb der "Corriere della Sera". Randalierer griffen Polizeidienststellen an, setzten mehrere Autos in Brand und zerstörten am CONI-Sitz Marmorskulpturen, die Countdown-Uhr für die Spiele in Peking 2008 sowie Büroeinrichtungen.

Auch die Polizeigewerkschaft forderte einen Ligastopp. "Rom und andere Städte dürfen nicht Schauplatz für Angriffe gegen staatliche Institutionen und Ordnungskräfte sein", sagte Roms Polizeipräfekt Carlo Mosca. Die Witwe des in Catania getöteten Polizisten Raciti dagegen befürchtet noch mehr Ausschreitungen und Opfer: "Weitere Tote würden mich nicht wundern."