Güterverkehr: erste Auswirkungen am Abend erwartet

Lokführer streiken

Seit 12 Uhr dauert der Ausstand der GDL. Doch noch hat der Vorstand der Bahn nicht reagiert. Es liegt kein verbessertes Angebot vor. Am Hamburger Hafen war von dem Protest bisher noch nichts zu spüren.

Berlin. Die Lokführergewerkschaft GDL hat am Mittag mit bundesweiten Streiks im Bahn-Güterverkehr begonnen. "Wir haben keinen Schwerpunkt, wir streiken im Güterverkehr bundesweit", sagte der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Manfred Schell in Frankfurt. Der Streik soll 42 Stunden dauern und am Samstagmorgen um 6 Uhr enden.

Die Lokführergewerkschaft GDL rechnet allerdings erst am Abend mit stärkeren Auswirkungen des Streiks im Güterbahnverkehr. "Es fängt recht langsam an", bilanzierte GDL-Nord-Chef Norbert Quitter kurz nach Streikbeginn. Der Güterverkehr werde hauptsächlich in der Nacht abgewickelt. Erste Behinderungen gab es nach Quitters Angaben aber im Bereich des Güterrangierbahnhofes Maschen im Süden Hamburgs, die auch Auswirkungen auf den Hafen haben werden. "Da sind aber nicht die Horrorszenarien erreicht, die einige entwickelt haben", sagte Quitter. Viele Kunden der Bahn hätten bereits im Vorfeld des Streiks Aufträge storniert.

Die Bahn will einen Stillstand im Schienengüterverkehr verhindern. Zu Verspätungen und Zugausfällen könne es aber kommen, sagte eine Sprecherin. Um die Folgen zu mildern, seien Dienstpläne bei der Güterbahn Railion (früher DB Cargo) so gestaltet worden, dass von den insgesamt 5400 Lokführern möglichst viele nicht streikberechtigte Beamte eingesetzt werden. Mit Kunden werde laufend abgestimmt, welche Züge besonders wichtig sind und vorrangig gefahren werden müssen. Einen Ersatzfahrplan, wie er bei vorangegangenen GDL-Streiks im Personenverkehr aufgestellt worden war, gebe es nicht.

Auch die GDL will noch nicht abschätzen, wie viele Güterzüge wegen des Arbeitskampfes ausfallen werden. Schell geht davon aus, dass von den Lokführern im Güterverkehr der Deutschen Bahn etwa ein Drittel im Dienst sind. Ein Schwerpunkt im Nordosten soll laut GDL der Rostocker Seehafen sein. Rund 90 Prozent der Lokführer im Hafen seien in der Lokführergewerkschaft organisiert. Nach Angaben des Hafens laufen 20 Prozent des Güterumschlags über die Bahn. Mit den Streiks will die GDL unter anderem erreichen, dass Umschlagplätze für den Güterverkehr nach und nach volllaufen.

Einige Unternehmen verlagern den Gütertransport auf die Straße. Der Logistik-Dienstleister Hellmann hat 150 zusätzliche Lastwagen angefordert, wie ein Sprecher sagte. Das Unternehmen werde am Donnerstag und Freitag seine Lieferungen nur über die Straße abwickeln. Ein Sprecher der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG) sagte, dass sich Hafenkunden darauf vorbereitet hätten, auf Speditionen auszuweichen.

Der Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz der Bundesländer, Karl Heinz Daehre (CDU), befürchtete, dass das in wenigen Tagen zu einem "Verkehrschaos auf den Straßen führen" könne. Es werde nicht sofort Probleme geben, "weil natürlich die Betriebe eingestellt sind darauf, dass dieser Streik beginnt", sagte er am Donnerstag im Südwestrundfunk. "Aber das ist nur eine Frage von Stunden."

Ein möglicher Kompromiss zwischen den Parteien ist nicht in Sicht. "Solange die Bahn uns kein Angebot vorlegt, streiken wir", betonte Schell. In dem seit Monaten festgefahrenen Tarifkonflikt fordert die Gewerkschaft einen eigenständigen Tarifvertrag für das Fahrpersonal und bis zu 31 Prozent mehr Geld. Die GDL verlangt vor der Wiederaufnahme von Verhandlungen von der Bahn ein neues Angebot, das Angaben über Arbeitszeit und Gehalt enthält.

Der Rostocker Seehafen soll nach Angaben der Lokführergewerkschaft GDL ein Schwerpunkt des angekündigten Streiks im Güterverkehr werden. Wie ein Sprecher sagte, sind 90 Prozent der Lokführer im Hafen in der GDL organisiert. Nach Angaben des Hafens laufen 20 Prozent des Güterumschlags über die Bahn. Einige Güter werden direkt vom Schiff auf Züge verladen, daher könnten bei einem Streik Schiffe nicht entladen werden. Die deutschen Seehäfen rechnen aber überwiegend vorerst nicht mit gravierenden Auswirkungen. Von einem "GAU für die Hafenwirtschaft" sprach dagegen ein Sprecher von Europas größtem Binnenhafen in Duisburg.

Im Hamburger Hafen sind kurz nach Beginn des flächendeckenden Streiks im Güterbahnverkehr noch keine Auswirkungen des Ausstandes spürbar gewesen. "Business as usual - es sieht aus wie immer", sagte Christiane Kuhrt von der Hamburger Hafenbehörde Port Authority (HPA) am Donnerstag. Züge der Hafenbahn fuhren noch. Nach Kuhrts Angaben hatten aber viele Bahnkunden noch vor Streikbeginn wichtige Aufträge erledigt. "Da hatten wir ein erhöhtes Verkehrsaufkommen auf der Schiene." Neben der Bahn operieren nach Kuhrts Angaben noch 50 andere Verkehrsunternehmen im Hafen. Rund 6000 Container werden täglich im Hafen auf der Schiene bewegt. Im Hafen war vorsorglich ein Krisenstab eingerichtet worden.

Ein Sprecher der BLG Logistics Group sagte in Bremen: "Wir können mindestens zwei Tage mit diesem Problem umgehen." Auch die niedersächsische Hafengesellschaft Niedersachsen-Ports erwartet nach Angaben eines Sprechers erst nach mehr als drei Streiktagen Probleme.

In Bremerhaven - dem zweitgrößtem Containerhafen in Deutschland - werden rund 15 Prozent des jährlichen Ladungsaufkommens von mehr als vier Millionen Containern mit Zügen der Deutschen Bahn transportiert. Angesichts des geringen Anteils der Deutschen Bahn am Containerverkehr über Bremerhaven werde sich der Streik kaum auf den Hafenumschlag auswirken, sagte der BLG-Sprecher. Mehr als 50 Prozent der per Schiff an der Weser eintreffenden Blechboxen werden anschließend per Schiff weiter transportiert.

Ein weiterer großer Ladungsanteil rollt mit Lastwagen über die Straße. Auf der Schiene setzen Umschlagsgesellschaften wie der Marktführer Eurogate überwiegend private oder sogar eigene Bahnunternehmen ein. Insgesamt fahren im Schnitt 75 Züge von und nach Bremerhaven.

In Lübeck waren am Donnerstag noch keine Auswirkungen zu spüren. Alle Güterzüge seien am Morgen fahrplanmäßig im Hafen eingetroffen, sagte ein Sprecher der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG). Im Lübecker Hafen werden laut LHG rund 30 Prozent des Umschlags per Bahn weitertransportiert. Die Hafenkunden hätten sich darauf vorbereitet, auf Speditionen auszuweichen.

Das Management von Europas größtem Binnenhafen erwartet eine massive Beeinträchtigung des Güterumschlags. Vor allem der dritte Streiktag (Samstag) dürfte problematisch werden, falls sich die angestauten Container nicht mit Hilfe privater Bahn-Unternehmen abtransportieren lassen, sagte der Sprecher. In diesem Jahr seien im Duisburg Hafen täglich rund 30 000 Tonnen Güter auf die Schiene umgeschlagen worden. "Das entspräche bei einem Fünfzehntonner etwa 2000 zusätzlichen Lkw-Fahrten pro Tag".