Nord-Ostsee-Kanal

Pannenserie: Frachter rammen Schleusentore

Demolierte Schleusentore und Millionenschäden: Die Ostsee-Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal ist Schauplatz einer Pannenserie. In Kiel-Holtenau krachte am Mittwoch zum vierten Mal binnen eines Jahres ein Containerschiff gegen ein Schleusentor der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt.

Die maßgefertigten riesigen Stahlteile stammen noch aus der Kaiserzeit und sind nicht ohne weiteres zu ersetzen. Der Stückpreis für ein Tor: Zehn Millionen Euro. "Dieses Mal lief es nicht ganz so schlimm ab wie beim letzten Mal", sagt Hans-Heinrich Koch vom Wasser- und Schifffahrtsamt mit ironischem Ton. Der Sachschaden soll "nur" 200 000 Euro betragen.

Auf der Wasserverbindung von der Nord- zur Ostsee, die den Schiffen seit 100 Jahren den 250 Seemeilen längeren Weg durch den Skagerrak zwischen der südnorwegischen Küste und Jütland erspart, kam es am Donnerstag zu Staus. Durch die Kollision war eine der nur zwei Schleusenkammern für die großen Tanker und Containerschiffe zunächst gesperrt. Bis zu 110 Schiffe verlassen hier pro Tag normalerweise durch das Nadelöhr die Ostsee in Richtung Kanal. Die Schleuse hat deshalb eine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Stattdessen rücken nun gelbbehelmte Handwerker, Statiker und Techniker an. Ohrenbetäubendes Gehämmer zeugt von der Dringlichkeit der Reparaturmaßnahmen.

Nachdem der 160 Meter lange Frachter "Ruiloba" mit der roten Nase seines Bugs gegen das Stahltor gekracht ist, sind die Spuren der Kollision deutlich zu sehen. Das 45 Meter lange Tor, das auf Schienen zur Seite gefahren wird, ist vollkommen verzogen und in der Mitte eingedellt. Schienen sind beschädigt. Mit einer dramatischen Rettungsaktion hatte die Besatzung des spanischen Frachters noch mit Leinen versucht, das offensichtlich zu schnell fahrende Schiff vor der Schleuse irgendwie zu stoppen. Doch die Seile rissen.

"Wir können uns das nicht erklären, fünf Jahre passierte nichts und jetzt gleich mehrere Havarien in einem Jahr", sagt der 47 Jahre alte Hans-Heinrich Koch. Für den Notfall stehen gewöhnlich zwei Ersatztore nahe der Schleuse am Kanalrand im Wasser. Das Problem ist, dass die Tore aus dem Jahr 1914 stammen und schwer zu ersetzen sind. Zuletzt musste im August ein Tor nach einer Schiffskollision erneuert werden, der Schaden betrug eine halbe Million Euro. Ende Dezember 2006 hatten gleich zwei Schiffe binnen einer Woche die Schleusentore demoliert.

Der Tanker "Bow Sirius" war damals auf seiner Jungfernfahrt mit zu viel Tempo in die Schleuse eingefahren. Während am Schiff nur Lack abplatzte und eine Delle entstand, wurde das 1000 Tonnen schwere Tor in der Mitte zerrissen. Das andere Tor der Schleusenkammer war zu dem Zeitpunkt gerade erst ausgetauscht worden: Der Tanker "Edward" hatte es wenige Tage zuvor gerammt. Tanker und Containerschiffe konnten den Kanal für einige Tage nicht passieren. Der Gesamtschaden betrug 1,5 bis 2 Millionen Euro. 50 Tonnen Stahl mussten erneuert werden.

Während in Kiel-Holtenau fieberhaft an der Behebung der Schäden gearbeitet wurde, setzte sich die Pannenserie an der anderen Seite des Nord-Ostsee-Kanals, an der Elbmündung bei Brunsbüttel, fort. Ein angetrunkener Kapitän rammte mit seinem Holzfrachter dort ebenfalls ein Schleusentor. Das unter kambodschanischer Flagge fahrende Schiff war auf dem Weg von Wismar nach Rosyth in Großbritannien.