Feuersbrunst: Mehr als 1700 Familien verloren ihre Häuser

Rückkehr nach Kalifornien

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Die schlimmsten Waldbrände scheinen im Süden Kaliforniens zwar überstanden zu sein, vielen Rückkehrern stehen nun aber noch schwere Zeiten bevor. In der Luft hängt immer noch die Asche der verbrannten Bäume, Wasser und Strom funktionieren oft nicht.

San Diego. Ein fast perfekter Tag am "Ocean Beach" in San Diego: Hunderte sonnten sich am Freitagmittag am Strand, dutzende Surfer paddelten im Meer. "Bis gestern konnte man kaum dreihundert Meter weit sehen, so dicht war der Rauch, und das Wasser war mit Asche und Schaum bedeckt. Aber heute sieht es schon fast wieder ganz normal aus", sagt Chris Mogilski und geht in Richtung Meer. Ein bisschen schuldig fühle er sich schon, selbst zu surfen, während im Hinterland die Flammen lodern, bekennt der 28-jährige Wellenreiter. "Aber ich habe schon Blut gespendet und im Qualcomm-Stadion bei der Versorgung der Evakuierten mitgeholfen", fügt er schnell hinzu.

Von Normalität sind die mehr als 1700 Familien, die in der schwersten Feuersbrunst Kaliforniens ihre Häuser verloren haben, noch weit entfernt. Aber für Hunderttausende Menschen, die vor den Flammen geflüchtet waren, hat der Alltag wieder begonnen. "Schaut euch diese vielen Kisten an", stöhnt die gebürtige Brandenburgerin Marianne Roberts. Bei der Wahl-Kalifornierin in Poway, einem Vorort von San Diego, stapeln sich Fotoalben, Ordner, Dokumente, Kleider und Schuhe in Küche, Wohn- und Schlafzimmer.

Für eine Nacht musste sie mit Ehemann und Tochter vor der Feuerwalze flüchten. "Ich hatte unsere drei Autos voll gestopft", erzählt die 63-Jährige. "Das wichtigste waren meine Dirndl, die brauche ich doch fürs Oktoberfest." 100 Paar Schuhe brachte sie ebenfalls in Sicherheit. Allein in Poway brannten 89 Häuser ab, doch die Roberts und ihre 700 000-Dollar-Villa blieben verschont.

Es war ihr drittes großes Feuer in 30 Jahren. Hinter dem Grundstück liegen von der Sommerhitze gebräunte Hügel, aber schwarz versengte Erde sehen die Roberts diesmal nicht. Das schwere Cedar-Feuer im November 2003 dageben hatte sich bis zu einem halben Kilometer gefährlich nah an ihr Haus herangefressen. "Wenn man in Kalifornien ein bisschen weiter draußen wohnt, weiß man einfach, dass irgendwann ein Feuer kommt. Das ist gar keine Frage, weil es ja so trocken ist. Im letzten Jahr hat es sehr wenig geregnet - das ist eine Wüste hier", erklärt die Deutsche.

Tageland flimmerten nun die Szenen von Verwüstung über die Bildschirme. Reporter und Betroffene verglichen die Brandgebiete mit "Kriegszonen" und "Armageddon". Die Flammen verbrannten eine Fläche doppelt so groß wie Berlin. "Doch wer in San Diego am Strand Urlaub macht, wird davon gar nichts sehen." Da sollten sich Besucher aus Deutschland ja keine Sorgen machen, sagt Roberts.

"Wir sind wieder voll im Geschäft", versichert der Leiter des Fremdenverkehrsbüros in San Diego auf Anfrage. "Diese Botschaft müssen wir nun rund um die Welt schicken", fordert David Peckinpaugh. Die größten Attraktionen der Hafenstadt, der Zoo und Seaworld, haben wieder geöffnet. Tourismus ist die drittgrößte Einnahmequelle, nach dem Militär und der verarbeitenden Industrie. Immerhin kamen im Vorjahr 32 Millionen in- und ausländische Touristen zu Besuch, darunter 34 000 deutsche Urlauber. Im Qualcomm-Stadion, wo bis Freitag noch tausende Evakuierte campierten, sollten am Sonntag die San Diego Chargers gegen die Houston Texans spielen. Und ab Montag geht nach einwöchiger Zwangspause auch die Schule wieder los.

Das Kaiserhof-Restaurant war nur am Montag geschlossen, dann ist Ruhetag, nicht etwa wegen des Feuers. "Damit hatten wir gar keine Probleme", versichert Paula Bolter im adretten Dirndl hinter der Theke. Seit 1980 serviert die gebürtige Ulmerin im sonnigen San Diego Rouladen, Wiener Schnitzel und Wurstplatten. "Ich sorge mich gar nicht darum, dass die Leute weg bleiben", winkt die Restaurantchefin ab und zapft das nächste Bier. "In ein paar Wochen ist alles wieder ganz normal." Nur der Rauch der Feuer habe in den ersten Tagen gestört.

Über Atemmasken, wie sie viele tragen, rümpft Marianne Roberts die Nase. Draußen im Garten, an der rauchigen Luft, gibt es viel zu tun. Der Swimmingpool muss gesäubert, die Asche von den Gartenstühlen abgewischt werden. Wo man hinfasst, ist die Hand schwarz. Der Garten ist ihre grüne Oase, mit hohen Bäumen, Kletterpflanzen und Sträuchern. Doch das hat eine Kehrseite. "Die Feuerwehr würde an diesem Haus nie anhalten", erklärt sie. "Wenn du Bäume nah am Haus hast, ist es viel schwerer zu retten. Wenn mal wieder ein Feuer kommt, dann ist meins weg", prophezeit Roberts. "Aber ich bin Deutsche, ich muss einfach etwas Grünes um mich haben".

( dpa )