EU will Medien nutzen

Notrufsystem für vermisste Kinder

Die Europäische Union will ein Warnsystem für vermisste Kinder auf den Weg bringen. Darauf verständigten sich die EU-Justizminister heute im Grundsatz in Lissabon.

Lissabon. Nach Angaben Portugals sollen "sorgfältig ausgewählte Fälle" entführter Kinder künftig über die Medien publik gemacht werden. Auf Druck von Skeptikern wie Deutschland und Österreich soll das Notrufsystem aber laut Diplomaten vor allem in Grenzgebieten eingesetzt werden. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) warnte am Rande des Treffens vor einer "Reizüberflutung mit Bildern", wenn Entführungsfälle in ganz Europa im Fernsehen, im Radio und in Zeitungen veröffentlicht würden.

Der Vorschlag des portugiesischen EU-Vorsitzes, europaweit ein System nach französischem Modell einzuführen, stieß bei EU-Staaten wie Deutschland und Österreich auf große Skepsis. In Frankreich kann die Bevölkerung bei Kindesentführungen innerhalb von Stunden per Radio oder Fernsehen alarmiert werden. Zypries lehnte die Übertragung einer solchen Notrufkette auf Europa ab. "Es macht keinen Sinn, ein in Süditalien entführtes Kind in Norddänemark zu suchen", sagte sie. Die in Portugal verschwundene kleine Britin Maddie McCann sei "ein absoluter Ausnahmefall".

Die EU will nun nach Angaben von Diplomaten zunächst prüfen, wie viele entführte Kinder im EU-Ausland vermutet werden und welche Probleme es bei der Zusammenarbeit der Behörden gibt. Dabei soll es nach Angaben von Diplomaten in erster Linie um regionale Fälle gehen. Auch Zypries kann sich ein Alarmsystem für Grenzgebiete vorstellen, etwa bei Kindern, die im Elsass oder an der Grenze zu den Niederlanden verschwinden. Für Deutschland hält die Ministerin ein Notrufsystem wie in Frankreich nicht für sinnvoll. "Da haben wir kein Defizit", sagte sie.

Nach Angaben der Justizministerin tauchen 50 Prozent der Kinder in Deutschland nach drei Tagen wieder auf. Deshalb werde eine Fahndung in der Regel erst nach diesem Zeitraum veröffentlicht. 99 Prozent der Fälle verschwundener Kinder werden demnach innerhalb eines Jahres aufgeklärt. Bei dem restlichen Prozent handele es sich überwiegend um Kinder, wie von einem Elternteil wegen eines Sorgerechtsstreits ins Ausland gebracht würden oder um Flüchtlingskinder.

Neben Frankreich hat bisher auch Griechenland ein öffentliches Warnsystem für vermisste Kinder eingeführt. Die Niederlande prüfen derzeit die Einführung. Danach könnten Pkw-Fahrer etwa per Banner über Autobahnen oder per Autofunk auf Entführungsfälle hingewiesen werden.