Arzneimittelskandal: 50 Jahre Contergan

Irrtum mit fatalen Folgen

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Contergan wurde damals schwangeren Frauen gegeben, damit sie ruhig schlafen konnten. Vor 50 Jahren, am 1. Oktober 1957, kam das Medikament auf den Markt. Als Folge des Skandals hat die Bundesrepublik heute eines der strengsten Arzneimittelgesetze der Welt.

Hamburg. Bis das Medikament 1961 vom Markt genommen wurde, kamen in Deutschland etwa 5.000 teilweise schwer missgebildete Kinder zur Welt. Etwa 2.800 davon leben noch.

Der Name Contergan steht bis heute für den größten Medizinskandal der Nachkriegsgeschichte. In Broschüren warb der Hersteller Grünenthal Ende der 50er Jahre für sein Schlafmittel. Das Mittel mit dem Wirkstoff Thalidomid wurde rezeptfrei abgegeben. Gerade deshalb glaubten viele Frauen, es sei harmlos.

Contergan wurde ab 1957 verkauft. Die 30er-Packung kostete 3,90 Mark. Anfang 1960 fiel auf, dass immer häufiger Kinder mit missgebildeten inneren Organen und Gliedmaßen geboren wurden. Grünenthal nahm das Medikament am 27. November 1961 vom Markt, nachdem ein Arzt auf mögliche Folgen hinwies. Bei Tierversuchen war die Wirkung zunächst nicht nachweisbar.

Gegen Grünenthal wurde Ende 1961 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Als im April 1967 Anklage gegen mehrere Verantwortliche des Unternehmens erhoben wurde, waren die geschädigten Kinder zwischen fünf und neun Jahren alt. Der Prozess zählt zu den längsten Verfahren Europas. Die Anklageschrift umfasste knapp 1.000 Seiten, mehr als 1.200 Zeugen wurden vernommen.

Im Dezember 1970 endete der Prozess mit einem Vergleich. Das Verfahren gegen die Grünenthal-Angestellten wurde eingestellt, weil sich persönliches Verschulden nicht nachweisen ließ. Damals allerdings spekulierten Beobachter, dass die juristische Entscheidung eher politische Gründe habe: Nach ihrer Meinung hätten auf die Anklagebank auch Aufsichtsbehörden gehört, die bei der Zulassung und Überwachung des Schlafmittels eine klägliche Rolle spielten. Grünenthal verpflichtete sich, gut 100 Millionen Mark zur Entschädigung der Contergan-Opfer bereitzustellen. Diese Zahlung löste sämtliche Ansprüche ab.

Grünenthal ist nach eigenen Angaben heute als Experte für Arzneimittel in Schmerztherapie und Gynäkologie am Markt aktiv. Es ist ein Familienunternehmen, das weltweit in 27 Ländern mit Tochtergesellschaften aktiv ist. Die 1946 gegründete Firma beschäftigt in Deutschland rund 1.900 Mitarbeiter, weltweit rund 4.800. Der Umsatz 2006 betrug 813 Millionen Euro.

( abendblatt.de )