Prozess: Schüler wartet auf Urteil

Freilassung von Marco W. unwahrscheinlich

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Im Prozess gegen den deutschen Schüler Marco W. wartet das Schwurgericht im südtürkischen Antalya immer noch auf die schriftliche Aussage des mutmaßlichen Missbrauchsopfers Charlotte M. aus Großbritannien. Der Text ist nach wie vor nicht in Antalya eingetroffen.

Auch beim fünften Verhandlungstag am kommenden Freitag ist deshalb nicht mit einem Urteil im Fall des 17-jährigen Schülers zu rechnen, dem Kindesmissbrauch vorgeworfen wird.

Marco W. war während eines Urlaubs in Antalya im April festgenommen worden, weil er sich an der 13-jährigen Charlotte vergangen haben soll. Der Realschüler hat die Vorwürfe zurückgewiesen und ausgesagt, die sexuellen Kontakte zwischen ihm und dem Mädchen seien auf beiderseitigen Wunsch zustande gekommen.

Charlotte, die nach Angaben ihres türkischen Anwalts Ömer Aycan in Großbritannien in psychologischer Behandlung ist, hat an dem Verfahren gegen Marco bisher nicht teilgenommen; auch am Freitag wird sie nicht in Antalya erwartet. Ihre Aussagen sollten deshalb in ihrer Heimat bei Manchester aufgenommen und in die Türkei geschickt werden. Bisher sind sie aber nicht in Antalya angekommen.

Die "Bild"-Zeitung meldete, bei der Verhandlung am Freitag werde ein neues medizinisches Gutachten erwartet, das Marco entlaste. Marcos deutsche Anwälte Matthias Waldraff und Michael Nagel sagten dem Blatt, ihr Mandant halte sich unter den schwierigen Umständen der Untersuchungshaft "ganz großartig". Der Beistand seiner Eltern und seines Heimatortes Uelzen seien sehr wichtig für den Jungen.

Weil es am Freitag voraussichtlich kein Urteil geben wird, dürfte die Frage einer vorzeitigen Haftentlassung für Marco erneut im Mittelpunkt der Verhandlung stehen. Während die Verteidigung argumentiert, die lange Untersuchungshaft sei unverhältnismäßig, fordert die Anklage wegen der Schwere der Schuldvorwürfe eine Fortsetzung der U-Haft. Das Gericht hatte bisher alle Anträge abgelehnt, den deutschen Schüler bis zu einem Urteil freizulassen.

Sollte Marco wegen Kindesmisshandlung verurteilt werden, müsste er mit einer Höchststrafe von acht Jahren rechnen, von denen er als Minderjähriger etwa zwei bis drei Jahre absitzen müsste. Die türkischen Behörden hatten bereits im Sommer erklärt, im Falle eines solchen Urteils werde Marco einen Großteil seiner Strafe in Deutschland absitzen können.

( abendblatt.de )