Afghanistan:

"Stern"-Reporter entführt?

Die Regierung der Unruheprovinz Kunar bestätigte die Entführung eines Journalisten. Regierungssprecher Ahmad Mukhar Ajmal teilte mit, der Deutsche sei gemeinsam mit zwei Afghanen verschleppt worden.

Kabul. Eine Woche nach der Geiselnahme von zwei deutschen Ingenieuren in Afghanistan ist im Osten des Landes ein deutscher Journalist verschleppt worden. Die Regierung der Unruheprovinz Kunar bestätigte die Entführung des Reporters. Regierungssprecher Ahmad Mukhar Ajmal teilte am Mittwoch mit, der Deutsche sei gemeinsam mit zwei Afghanen verschleppt worden. Das hätten die Nachforschungen der fünfköpfigen Delegation, die in den Ort Sangar entsandt wurde, ergeben. Die Delegation und Dorfbewohner bemühten sich um die Freilassung der Geiseln.

Ein Dorfbewohner habe berichtet, so der Gouverneur der Unruheprovinz Kunar, Shalezai Dedar, der Reporter und sein Übersetzer seien im Ort Sangar im Distrikt Watapur zum Übernachten in ein Privathaus eingeladen worden. Gegen 01.00 Uhr in der Nacht zum Mittwoch hätten Rebellen die beiden nach Aussage des Augenzeugen verschleppt. Sicherheitskräfte seien in die abgelegene Gegend entsandt worden, um die Lage zu sondieren. Die Taliban äußerten sich zunächst nicht zu der mutmaßlichen Entführung.

In der Region ist es in den vergangenen Wochen zu schweren Kämpfen zwischen ausländischen Truppen und Taliban-Kämpfern gekommen. Bei einem Bombardement der NATO-geführten Internationalen Schutztruppe ISAF waren in Sangar vor knapp drei Wochen nach Angaben des Gouverneurs neben zahlreichen Rebellen auch mindestens 27 Zivilisten getötet worden. Die ISAF hatte das dementiert. Überlebende hatten ihre Wut über die Operation geäußert. Kunar ist eine der gefährlichsten Provinzen Afghanistans. Die Gegend um Sangar ist nach Angaben des Gouverneurs besonders unsicher. Das Dorf liegt rund vier Stunden Fußmarsch vom Distriktzentrum Watapurs entfernt.

Dedar sagte, nicht einmal afghanische Sicherheitskräfte seien in der Region um Sangar. Die Sicherheit von 14 Dörfern sei den Dorfältesten übertragen worden. Er habe die Dorfältesten gewarnt, sollte der Journalist tatsächlich entführt worden sein und nicht freigelassen werden, würden Sicherheitskräfte in der Gegend eine "Säuberungsoperation" beginnen. Sollte der Reporter in die Krisenregion gereist sein, sei das "naiv". Die Behörden seien über einen Reporterbesuch nicht informiert gewesen. Sie hätten sonst Schutz gewährt und eine Eskorte gestellt.

Die "Stern"-Chefredaktion teilte mit, Reuter kenne das Land sehr gut, "weil er in den vergangenen Jahren immer wieder für den "Stern" dort gewesen ist und viele Reportagen gemacht hat". Reuter sei derzeit in einem lange geplanten Urlaub in Afghanistan. Man versuche, ihn zu erreichen. Nach unbestätigten Berichten aus Sicherheitskreisen wollte der mutmaßlich entführte Journalist über das Thema der zivilen Todesopfer nach dem ISAF-Bombardement recherchieren.

Im Fall des in Afghanistan verschleppten deutschen Bauingenieurs wurden am Mittwoch keine Fortschritte bekannt. Eine Woche nach seiner Entführung war der Deutsche nach dpa-Informationen aus zuverlässiger Quelle aber weiterhin am Leben. Aus gut unterrichteten Kreisen hieß es, die Geisel sei zwar körperlich geschwächt, aber immer noch bei Kräften. Es gebe weiter Kontakt zum Entführungsopfer. Die Geiselnehmer hätten sich in ein Versteck in den Bergen zurückgezogen. Die hohen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht und die Höhenlage machten der Geisel zu schaffen. Die Bemühungen um die Freilassung des Mannes würden fortgesetzt.

Der Ingenieur war am Mittwoch vergangener Woche gemeinsam mit einem deutschen Kollegen und fünf Afghanen verschleppt worden. Der deutsche Kollege starb vermutlich an den Strapazen der Entführung. Im Laufe des Mittwochs sollte der Sarg mit seinem Leichnam in Köln eintreffen. Die Obduktion zur endgültigen Klärung der Todesursache ist für diesen Donnerstag geplant. Die Taliban hatten behauptet, die Geisel erschossen zu haben. Es gibt allerdings starke Zweifel daran, dass die Taliban die Geiseln jemals in ihrer Gewalt hatten. Vermutlich sind die Deutschen Opfer eines Stammeskonflikts mit kriminellem Hintergrund geworden.