Warnstreik der Bahn:

Viele Ausfälle, aber kein Chaos in Hamburg

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Fahrgäste, die schon in einem Zug nach Kiel saßen, bekamen plötzlich die Durchsage: „Der Zugführer fehlt leider." Dieser hatte sich kurzfristig dem Streik angeschlossen. Insgesamt verlief der Streik aber glimpflicher als zunächst befürchtet.

Hamburg. Die Bahn bemühte sich, möglichst viele Lokomotiven mit Beamten zu besetzen, die nicht streiken dürfen. Um die Auswirkungen für die Fahrgäste zu begrenzen, wurden Ersatzbusse eingesetzt und die Hamburger Hochbahn verstärkte den Verkehr auf den Bus- und U-Bahn-Linien.

Im Hamburger Hauptbahnhof sammelten sich vor der Zuglauftafel zahlreiche Fahrgäste und lasen seit fünf Uhr morgens immer wieder "Zug fällt aus". Allerdings fielen nicht wie erwartet alle Verbindungen aus. Seit 6.30 Uhr fuhren wieder deutlich mehr Züge, allerdings oft mit Verspätungen von mehr als 30 Minuten. Einige Reisende waren offenbar über den Streik der Lokführer nicht informiert und schimpften auf die Bahn. Fahrgäste, die schon in einem Zug nach Kiel saßen, wurden plötzlich informiert: "Der Zugführer fehlt leider, deshalb kann der Zug heute nicht verkehren." Der Mann hatte sich kurzfristig dem Streik angeschlossen. "Damit muss man halt leben", sagte Fahrgast Tanja Schröer und nippte erst einmal an ihrem Kaffee.

Am frühen Morgen war der Fernverkehr in Norddeutschland zeitweise vollständig zum Erliegen gekommen. Zehntausende von Berufspendlern aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein hatte Probleme, ihre Arbeitsplätze in der Hansestadt per Bahn zu erreichen. Allein zwischen Lübeck und Hamburg nutzen täglich rund 50 000 Menschen die Bahn. Auf den Autobahnen rund um Hamburg herrschte dichter Berufsverkehr; es kam zu einzelnen Staus. Nach Einschätzung eines Polizeisprechers unterschied sich der Dienstag jedoch nur wenig von anderen Werktagen.

In den Bistros im Hamburger Hauptbahnhof versuchten sich die gestrandeten Passagiere die Zeit zu vertreiben. Per Handy wurden die Arbeitgeber informiert, dass man heute erst später zur Arbeit erscheinen kann. Die meisten Reisenden blieben trotz der langen Wartezeiten gelassen. "Ich wusste von dem Streik und dachte mir, ich versuch es einfach mal. Meinen Termin in Mannheim kann ich auch kurzfristig verschieben", sagte ein 40 Jahre alter Sachverständiger.

"Hoffentlich geht das jetzt nicht die ganze Woche so", sagte eine 30 Jahre alte Frau, die in einer Psychiatrie in Schwerin arbeitet. Sie zeigte Verständnis für die hohen Lohnforderungen der Lokführer. "Nur bei einer Forderung von 31 Prozent mehr Lohn ist die Frage, wo sie sich überhaupt mit den Arbeitgebern treffen können", sagte sie.

Vor dem Haupteingang des Hamburger Hauptbahnhofes warb unterdessen ein Dutzend Lokführer, Rangierer und Zugbegleiter um Verständnis. "Die Bahn an die Börse, die Lokführer zum Sozialamt", war auf einem Banner zu lesen. Zur Kritik an dem Streik von Seiten der anderen beiden Bahngewerkschaften Transnet und GDBA sagte der 65 Jahre alte Wolfgang Marten: "So einen unregelmäßigen Dienst wie bei den Lokführern gibt es sonst nirgends bei der Bahn, sie haben im Gegensatz zu anderen keine geregelten Arbeitszeiten. Piloten haben auch eigene Tarife, kaum einer weiß doch zu schätzen, was Lokführer für einen Knochenjob haben."

In Wedel informierten Streikposten der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) die Fahrgäste der S-Bahn über den Warnstreik. "Die Arbeitgeberseite bemüht sich, möglichst viele Beamte einzusetzen, die nicht streiken dürfen", sagte der Hamburger GDL-Chef Norbert Quitter. Dennoch zeigte er sich mit der Wirkung des Streiks zufrieden. "Wir hoffen, dass die Bahn unser Signal versteht und nun in Verhandlungen eintritt." Viele der Kunden stiegen auf Busse um; einige nutzten auch Taxis. Von Wedel in die Hamburger Innenstadt führt eine der wichtigsten S-Bahn-Linien.

( dpa )