Gazastreifen gleitet in Bürgerkrieg ab:

19 Tote bei neuen Kämpfen

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Das neue Aufflammen des blutigen Machtkampfes der Palästinensergruppen Hamas und Fatah hat den Gazastreifen am Dienstag an den Rand eines Bürgerkrieges gebracht.

Gaza. Bei heftigen Kämpfen wurden binnen 24 Stunden mindestens 19 Menschen getötet. Präsident Mahmud Abbas (Fatah) rief zu einer sofortigen Waffenruhe zwischen beiden Gruppierungen auf. Fatah drohte angesichts der Kämpfe mit einem Ausscheiden aus der großen Koalition mit Hamas.

Hamas-Milizionäre übernahmen am Dienstag gewaltsam die Kontrolle über die Stadt Chan Junis im Süden des Gazastreifens und besetzten dort Polizeistationen. Mehr als 90 Mitglieder der Präsidialgarde von Abbas und der von der Fatah kontrollierten Polizei hätten sich ergeben, verlautete aus Polizeikreisen. Auch im Norden des Gazastreifens forderten Hamas-Milizionäre die Fatah-Polizeitruppe zur Aufgabe auf. In zwei Erklärungen der Hamas wurden Polizisten aufgefordert, ihre Stationen und Posten zu verlassen und in ihren Wohnungen zu bleiben. Die Hamas erklärte den Norden des Gazastreifens zu einem "militärischen Sperrgebiet" unter Kontrolle ihrer Kassam- Miliz.

Unter den drei am Dienstag Getöteten war ein Neffe des Hamas- Führers Abdel Asis Rantisi, der im April 2004 von der israelischen Armee gezielt getötet worden war. In Deir al-Balach im zentralen Gazastreifen wurde zudem ein Mitglied der Fatah-Polizei erschossen, ein militantes Mitglied der Fatah kam bei Kämpfen um das Haus des Fatah-Sprechers Maher Magdad in Gaza ums Leben.

Am Dienstagmorgen hatten bewaffnete Männer eine Mörsergranate auf das Haus des palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Hanija (Hamas) in Gaza abgefeuert. Das Geschoss habe erheblichen Sachschaden angerichtet, jedoch niemanden verletzt, hieß es. Neben dem Präsidentengebäude von Abbas schlugen vier von Hamas-Aktivisten abgefeuerte Mörsergranaten ein. An einem der Brennpunkte der Gewalt im Nordosten der Stadt standen am Morgen acht Gebäude in Flammen.

Der Chef einer ägyptischen Vermittlerdelegation, General Burhan Hamad, forderte die beiden Gruppierungen zu einer sofortigen Einstellung der "beschämenden Kämpfe" auf. Anderenfalls werde er die palästinensische Bevölkerung gegen sie mobilisieren. Für Dienstagmittag geplante Vermittlungsgespräche unter Teilnahme beider Seiten in seinem Büro konnten angesichts der schweren Kämpfe nicht stattfinden.

Der militante Fatah-Arm Al-Aksa-Brigaden drohte am Dienstag mit einer Ausweitung der Kämpfe auf das Westjordanland. Man werde dort Hamas-Repräsentanten töten, sollte die radikal-islamische Hamas ihre Angriffe im Gazastreifen nicht einstellen. Das Fatah-Zentralkomitee in Ramallah warf "einer Gruppierung innerhalb der Hamas" vor, einen Putsch gegen die Palästinensische Autonomiebehörde und ihre Polizeitruppe zu betreiben.

Am Montagabend hatten Hamas-Kämpfer unter anderem den Fatah- Generalsekretär im nördlichen Gazastreifen, Dschamal Abu al- Dschidian, mit mehr als 40 Schüssen getötet. Er ist das bislang ranghöchste Opfer in der jüngsten Runde der innerpalästinensischen Kämpfe. Aus Rache für den Tod Al-Dschidians töteten Fatah-Kämpfer einen zuvor als Geisel genommenen Angehörigen der Hamas-Polizeimiliz. Daraufhin erschossen Hamas-Kämpfer auch den kurz zuvor verschleppten Bruder Al-Dschidians. Unter den 16 am Montag getöteten Menschen waren auch mehrere Frauen, Kinder und alte Leute.

( dpa )