Medien: Niederländisches Fernsehen

Umstrittene Organspende-Show war inszeniert

Die Reality-Show hatte europaweit für Empörung gesorgt. Denn der Spieleinsatz war nicht etwa Geld oder ein schickes Auto. Für drei kranke Menschen ging es um eine Niere – und damit um ihr Leben.

Amsterdam. Die umstrittene Organspende-Show im niederländischen Fernsehen hat ein überraschendes Ende genommen: Kurz vor Ende der Sendung enthüllte Moderator Patrick Lodiers am Freitagabend, dass die Produktionsfirma Endemol die Zuschauer gefoppt hat und die Show ein Bluff war. "Wir geben keine Niere weg, sogar wir glauben, dass das zu weit ginge", sagte Lodiers. "Lisa" war demnach keine todkranke Nierenspenderin, sondern eine Schauspielerin.

Der Sender BNN habe die Öffentlichkeit mit der "Grote Donor Show" auf die prekäre Organspende-Situation in den Niederlanden hinweisen wollen, versicherte Lodiers. Die Kandidaten seien allerdings wirklich Patienten, die auf eine Spenderniere warteten. Sie seien über das Projekt informiert gewesen.

Ministerpräsident Jan Peter Balkenende äußerte sich am Samstag erleichtert. "Manche Leute glauben, dass das nett und kreativ ist, aber auf der anderen Seite gibt es Leute, die es für unpassend und in die Irre führend halten", zitierte ihn die Nachrichtenagentur ANP. Vor der Ausstrahlung der Sendung hatte Balkenende im öffentlichen Fernsehen erklärt, die Show diene nicht dem Ruf der Niederlande im Ausland. Bildungsminister Ronald Plasterk, der die Show am Freitag als unethisch und geschmacklos bezeichnet hatte, sprach anschließend von einem "fantastischen Trick".

Der Sprecher der nationalen Ärztevereinigung KNMG sagte der Zeitung "AD", die Show untergrabe ihre eigenen Ziele. "Ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung glaubt jetzt, dass man todkrank sein muss, um ein Organ zu spenden, während 40 Prozent der Nierenspenden von gesunden Menschen kommen." KNMG hatte ihre Mitglieder zuvor zum Boykott der Sendung aufgerufen.

Vor der Ausstrahlung hatte die Reality-Show auch europaweit Empörung ausgelöst. EU-Kommissar Markos Kyprianou und der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, kritisierten die Sendung als unmoralisch. Zuschauer sollten dabei per kostenpflichtiger SMS für einen Kandidaten stimmen, der "Lisas" Niere erhalten sollte. Jede SMS kostete 60 Cent.

Nicht die Show, sondern die Realität sei schockierend, erklärte Lodiers. In den Niederlanden sterben jährlich 200 Menschen, weil sie nicht rechtzeitig eine Spenderniere erhalten. Die Wartezeit für ein lebensrettendes Organ beträgt im Schnitt mehr als vier Jahre - das ist mehr als in jedem anderen europäischen Land. Während der Sendung beantragten 12.000 Zuschauer Spenderausweise.

Die Nierenkranke Caroline Klingers, die die Show in einem medizinischen Zentrum in Bussum verfolgte, lobte die "Grote Donor Show". "Ich denke, das war brillant, wirklich", sagte Klingers. "Es ist gut für die öffentliche Wirkung, und es gibt keine Verlierer." Sie habe ohnehin nicht gedacht, dass die Transplantation tatsächlich stattfinde.

Vor der Show hatte BNN erklärt, "Lisa" habe weniger als sechs Monate zu leben und wolle mit ihrer Niere ein Menschenleben retten. Ärzte hatten darauf hingewiesen, dass normalerweise keine Organspenden von Todkranken angenommen würden, da die Gefahr bestehe, dass sie bei der Operation stürben. Zudem muss eine Organspende den niederländischen Regeln zufolge von Freunden oder Familienangehörigen kommen. Doch eine Sprecherin des Ärzteverbandes hatte vor der Sendung nicht ausgeschlossen, dass die Operation im Ausland durchgeführt werden könnte.

Abgeordnete hatten die Regierung in den vergangenen Tagen aufgerufen, die Sendung zu stoppen. Diese erklärte jedoch, ein Verbot käme einer Zensur gleich. Die drei Nierenkranken, die sich an der Show beteiligten, erklärten anschließend, sie seien froh, mitgemacht zu haben. "Ich denke, dass wir für alle eine schöne Überraschung hatten", sagte die 29 Jahre alte Charlotte. Die 36-jährige Esther Claire kritisierte, die Politik habe es nicht geschafft, mehr Menschen als potenzielle Organspender zu gewinnen.