G8: Gegner planen gewaltlosen Widerstand:

Größte Blockade deutscher Protestgeschichte

Sitzblockaden mit bis zu 10 000 Demonstranten sollen den Verkehrsfluss zum Gipfel lahm legen.

Hamburg. Es ist der Albtraum der Polizei: Tausende Demonstranten blockieren den Flughafen Rostock-Laage und Zufahrtsstraßen nach Heiligendamm. Die Limousinen der Delegationen kommen nicht zum G8-Tagungsort durch. Der minutiös geplante Zeitplan gerät durcheinander. Während sich die Polizei auf alle Eventualitäten vorbereitet, rüstet sich auch die Gegenseite für den G8-Gipfel, der vom 6. bis 8. Juni im mecklenburgischen Heiligendamm stattfinden wird. In der Kampagne "Block G8" haben sich 124 Organisationen zusammengeschlossen, die mit Massenblockaden den Gipfel lahm legen wollen.

Zu erwarten ist ein Katz- und Maus-Spiel im großen Stil. "Wir streben die größte Blockadeaktion der deutschen Protestgeschichte an", sagt der aus Lübeck stammende Organisator Christoph Kleine. Menschliche Blockaden mit bis zu 10 000 Teilnehmern seien das Ziel. "Die schiere Masse der Blockierenden ist der Schlüssel zum Erfolg", meint der 40-Jährige. Zu den Unterstützern gehören Vertreter des gesamten Spektrums der Protestbewegung, aber auch Wissenschaftler, Politiker und Musiker wie Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. "Block G8" betont den friedlichen Charakter der Aktion. "Wir wollen keine Eskalation, Blockaden sind Formen des zivilen Ungehorsams, wie man sie von Castor-Transporten kennt", sagt Kleine.

Genauso wie die Polizei ihre Maßnahmen auf Pressekonferenzen vorstellt, laden die Aktivisten Journalisten zu so genannten Blockadetrainings ein. "Wir werden üben, Polizeiabsperrungen zu durchfließen und eine Räumungssituation nachzustellen", heißt es in einer Einladung zu einem Training in Hannover. 60 bis 70 Trainings wurden bereits in ganz Deutschland abgehalten.

In Hamburg beteiligten sich bis zu 200 Teilnehmer an den Trainings. Dabei schlüpft eine Gruppe in die Rolle der Polizisten, die anderen verkörpern die Demonstranten. Unter anderem lernen die Blockierer in spe, wie das Modell "Nasser Sack" funktioniert. Man macht sich ganz schlaff, so dass der Körper für die Beamten kaum zu bewegen ist. Oder die Arme werden unter den Kniekehlen verhakt und der Körper darüber gebeugt. Diese leichter zu bewegende "Paket"-Variante wird gewählt, wenn man der Polizei die Arbeit beim Wegtragen erleichtern und Verletzungen vermeiden will.

Knut Abramowskis, Chef der für den Gipfel eingerichteten Polizeieinheit "Kavala" hatte im Vorfeld aber bereits gesagt: "Blockaden werden nicht geduldet." Das Vorbild für die geplanten Aktionen ist der G8-Gipfel 2005 im schottischen Gleneagles. Durch Blockaden kam der Straßen- und Schienenverkehr in der Region zum Erliegen. Viele Kleingruppen hatten sich nachts in der hügeligen Waldlandschaft im Unterholz versteckt, um morgens die Polizei durch Ankettungs- und Blockadeaktionen auf Zufahrtwegen zu überraschen.

In Heiligendamm werden Merkel, Bush, Putin und Co. zwar mit Hubschraubern zum Tagungsort einschweben, aber die Demonstranten wollen die Zufahrtstraßen für den übrigen Gipfel-Tross lahm legen. Im April wurde bereits in der Nähe des Sicherheitszauns in Heiligendamm geübt. Die Masse der Blockierenden sei das wichtigste Mittel, das "wir gegen die Überlegenheit der hochgerüsteten Polizeitruppen einsetzen können", heißt es in der linken Zeitschrift "G8 Xtra".

Dem Versammlungsverbot im Umfeld des Sicherheitszauns müsse man diese Formen zivilen Ungehorsams entgegensetzen, meinen die "Blockadisten". Und falls sie oder andere Demonstranten in den geplanten Gefangenen-Sammelstellen landen, stehen 100 Anwälte als mobiler Notdienst bereit. "Wir befürchten, dass wir eine sehr hohe Anzahl von Einsätzen bei diesem G8-Gipfel haben werden", sagt Martin Dolzer vom Republikanischen Anwältinnen- und Anwälteverein (RAV).