Doping

Ullrich und Godefroot belastet, Olympia-Arzt gesteht Doping bei Amateuren

Die Doping-Lawine im Radsport hat die olympische Basis erreicht: Nach der Beichte des langjährigen Olympia-Arztes Georg Huber wird der deutsche Sport von einer Glaubwürdigkeitskrise erschüttert.

Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), warnte vor einem "Generalverdacht" und sprach "von einer großen Chance der Erneuerung". Das Anti-Doping-Gesetz soll noch vor der Sommerpause verabschiedet werden.

Jan Ullrich bleibt unterdessen in der Sackgasse des Schweigens. Auch nach der Anklage des EPO-Dopings fährt der Tour-Sieger von 1997 weiter konsequent die Strategie des Abwartens. Der ehemalige Telekom- Betreuer Jef D'Hont offenbarte in einem autorisierten Interview der "Bild am Sonntag", Ullrich in Frankreich einmal das Blutdopingmittel EPO "in den Arm gespritzt" zu haben. "Das dauert ungefähr zehn Sekunden, das ist so, als ob man einem zuckerkranken Patienten Insulin gibt. Ich weiß nicht, ob er jemals Doping wollte: Aber er hat damals mitgemacht, weil es alle taten."

Nur einen Tag nach den spektakulären Interview relativierte er im niederländischen Rundfunk NOS seine Anschuldigung und behauptete, Ullrich selbst nie eine Spitze gesetzt zu haben.

Aus dem Lager Ullrich gibt's nur die Aussage, keine Aussage treffen zu wollen. "Es gibt für Jan keinen Grund, sich öffentlich zu äußern", erklärte Ullrichs Manager Wolfgang Strohband auf der Homepage des Radprofis. Sein Schützling wurde von einem Kamerateam des Nachrichtensenders N24 am Bodensee aufgespürt, und dabei war von vermeintlichem Seelenkater keine Spur. "Mir geht es hervorragend", so Ullrich. Daran änderte vermutlich auch das Geständnis seines ehemaligen Team-Kollegen Mario Kummer nichts. Nach Informationen der "Neuen Zürcher Zeitung" hat der 45-Jährige als Achter Ex-Telekom- Profi Doping in der Zeit von 1993 bis 1997 gestanden. Er sei Teil des Doping-System im Team gewesen.

Schäuble, Bach und DOSB- Generaldirektor Michael Vesper haben unterdessen nach einem Krisengipfel am Samstag noch einmal ihre Null- Toleranz-Politik bekräftigt und ein zeitnahes Aufklärungsgespräch mit den geständigen Radprofis angekündigt. Bereits vor den Kabinetts- Beratungen zum Anti-Doping-Gesetz am Mittwoch kam die Geständnis- Offensive im Amateur-Bereich an. Olympia-Arzt Huber gab zu, zwischen 1980 bis 1990 jungen Straßenradfahrern das leistungssteigernde Hormon Testosteron verabreicht zu haben. Er wurde daraufhin von der Uniklinik Freiburg mit sofortiger Wirkung suspendiert.

Der Mediziner war seit 1980 unter anderem für die Ausstattung der deutschen Olympia-Apotheken zuständig. Seit 1972 war er für Fahrer des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) verantwortlich, seit 1986 engagierte er sich aktiv als Anti-Doping-Beauftragter des Behindertensportverbandes und seit vier Jahren in der Nationalen Anti-Dopingagentur (NADA). Huber betreute bei insgesamt sechs Olympischen Sommerspielen deutsche Athleten. BDR, NADA, der Deutsche Skiverband (DSV) und der Behindertensportverband haben sich inzwischen von Huber getrennt. Er ist nach Andreas Schmid und Lothar Heinrich bereits der dritte Freiburger Uni-Mediziner, der im Dopingskandal geständig ist.

Der DOSB hat die Untersuchungskommission der Uniklinik um Zusammenarbeit gebeten. "Die Frage der Mitverantwortung des Sports einschließlich der DOSB-Vorgänger NOK und DSB muss geklärt werden", sagte Bach der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der DOSB hat am Sonntag in Abstimmung mit dem BMI der sportmedizinischen Abteilung der Uniklinik das Mandat als medizinisches Untersuchungszentrum des deutschen Sports entzogen.

Huber soll nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" mit dem früheren Straßen-Bundestrainer Peter Weibel in den 80er Jahren die deutschen Amateur-Radsportler systematisch mit Dopingsubstanzen versorgt haben. Dies bestätigten die früheren Fahrer Jörg Müller und Christian Henn der Zeitung. Weibel, der sich derzeit um den BDR- Nachwuchs kümmert, ist vom BDR für Dienstag "zu einem Gespräch einbestellt" worden. Unter Weibel hatte Ullrich bei der Straßen- Weltmeisterschaft 1993 seinen ersten großen Titel geholt.

Auch Ullrichs langjähriger Teamchef bei Telekom, Walter Godefroot, wurde von D'Hont als Mitwisser genannt. "Ein Ampulle kostete umgerechnet 25 Euro. Ich habe das Geld eingesammelt von den Fahrern, dann Walter Godefroot gegeben", so D'Hont. Godefroot selbst versprach: "Meine Version kommt." Ungeklärt bleibt auch die sportliche Zukunft von Erik Zabel. Am Dienstag will sein Team Milram die Entscheidung bekannt geben, aber alle Zeichen deuten darauf hin, dass der 36 Jahre alte Sprinter seinen bis 2008 laufenden Vertrag erfüllen darf.