Frankreich: Kampf um das Präsidentenamt

Unentschieden nach Punkten im TV-Duell um den Elysee-Palast

Mehr als 20 Millionen Franzosen haben ihr großes Duell gespannt verfolgt. Und Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy haben sie nicht enttäuscht: In ihrer einzigen TV-Debatte lieferten sich die Kandidaten für die französische Präsidentschaft einen jener harten Schaukämpfe, wie sie das Wahlvolk liebt.

Jedes Lager fühlte sich am Donnerstag als Sieger, die meisten Experten sahen ein Unentschieden nach Punkten. Vor der Stichwahl mit der Sozialistin Royal am Sonntag bleibt der Konservative Sarkozy Favorit. Über dem tatsächlichen Wahlausgang schwebt indes weiter Ungewissheit.

Im TV-Duell jedenfalls gibt es für den Chef des Pariser Nachrichtenmagazins "L'Express", Christophe Barbier, "zwei Sieger". Dabei macht er wie einige andere Experten allenfalls einen "leichten Vorteil" für Sarkozy aus. "Er hat sich nicht aufgeregt", spielt Barbier auf die berüchtigte cholerische Natur des Konservativen an. Royal wiederum sei nicht als politisches Leichtgewicht erschienen.

Laut einer ersten Internet-Umfrage im Auftrag des konservativen "Figaro" fand eine Mehrheit der Zuschauer Sarkozy überzeugender. Royals Generalstab wies diese Befragung allerdings umgehend als unfeines "Manöver" zurück. Die Tageszeitung "Le Monde" zitiert den Liberalen François Bayrou mit der Einschätzung, Royal habe sich "ziemlich gut" geschlagen. Damit wollte der Dritte der ersten Wahlrunde angeblich nicht zitiert werden. Aber eines sagte er der Freitagsausgabe des Blattes klar: "Ich werde nicht für Sarkozy stimmen."

Damit könnte Royal zumindest ein wichtiges Ziel erreicht haben. Schließlich ringt sie mit Sarkozy um die 6,8 Millionen Wählerstimmen Bayrous aus der ersten Runde. Sollten die Anhänger des Zentrumspolitikers massiv Royal wählen, könnte sie jene zwei Millionen Stimmen aufholen, die sie im ersten Urnengang von Sarkozy trennten. Dies gilt als offen - ebenso wie die Frage, ob die 3,8 Millionen Wähler des Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen dessen Aufforderung folgen und am Sonntag die zweite Runde boykottieren.

In ihrer TV-Debatte prallten Royal und Sarkozy erstmals seit einem heftigen Wortgefecht bei den Parlamentswahlen 1993 wieder vor Kameras unmittelbar aufeinander. Wie stark der Erwartungsdruck auf ihnen lastete, wurde in dem mehr als zweieinhalbstündigen Duell klar sichtbar. Sarkozy startete mit einem offenbar auswendig gelernten Drei-Minuten-Text. Royal klammerte sich an Notizen und zitierte Zahlen, um den Ex-Innenminister mit seiner Kriminalitätsbilanz zu kontrontieren. Sie ging umgehend zur Attacke über, warf die Tagesordnung über den Haufen und hielt an dieser Strategie fest - bis hin zum Vorwurf, Sarkozys Wahlversprechen von Schulplätzen für Behinderte sei "der Gipfel der politischen Unmoral", nachdem er zuvor von ihr geschaffene Schulplätze mit seiner Regierung abgeschafft habe.

Der Chef der Regierungspartei UMP wiederum versuchte, seinen Umfrage-Vorsprung von etwa vier bis fünf Prozent vor Royal durch äußerste Beherrschung zu wahren. Trocken wehrte er die Angriffe ab und hielt seiner Gegnerin sachliche Ungenauigkeiten und eine mangelnde Finanzierung ihres Programmes vor. Auf dem Höhepunkt des Rededuells sagte er, Royal habe "die Nerven verloren", was einem Präsidenten nicht passieren dürfte. Sie schlug zurück: "Nein, ich verliere nicht die Nerven, ich bin wütend." Es gebe "sehr gesunde Wutausbrüche", und Ungerechtigkeit mache sie nun einmal wütend.

Royal habe gezeigt, dass sie das Zeug zum Staatsoberhaupt habe, findet die linke "Liberation" - "mindestens so sehr wie Sarkozy". Der "Figaro" wiederum kommentiert, Sarkozy habe "unbestreitbar" eher die Statur eines Präsidenten. Für "Le Monde" waren beide nicht auf der Höhe. Antworten auf die echten Fragen des Wahlkampfes hätten weder Royal noch Sarkozy gegeben, klagt das Blatt - vom "Pulverfass der Vorstädte" bis hin zu den Auseinandersetzungen der Religionen.