Am 4. Jahrestag der US-Invasion

Wut und tiefe Frustration im Irak

Es ist fast ein wenig so wie am 9. April 2003. Damals jubelten nur einige Dutzend Iraker in Bagdad den US-Soldaten zu, die vor laufenden Fernsehkameras die Statue ihres Präsidenten Saddam Hussein auf dem Firdaus-Platz vom Sockel holten. Die Mehrheit der Iraker saß an diesem Tag jedoch zu Hause und hatte Angst vor einer ungewissen Zukunft.

Heute, vier Jahre später, laufen Hunderttausende von irakischen Schiiten mit wehenden Fahnen und anti-amerikanischen Transparenten nach Nadschaf, um am Jahrestag der US-Invasion in Bagdad lauthals gegen die "ungerechte Besatzung" zu protestieren. Und wieder sitzt die Mehrheit der Iraker zu Hause, wütend, ängstlich und frustriert. In Bagdad herrscht an diesem Frühlingstag sogar Fahrverbot, weil die von den USA gestützte Regierung Angst vor Autobomben und kollektiven Wutausbrüchen zum Jahrestag hat.

"In den vergangenen vier Jahren hat sich an der Art und Weise, wie dieses Land regiert wird, nichts wirklich geändert, Saddam ist verschwunden, und an seiner Stelle sind mindestens 100 neue Saddams erschienen", erklärt Ibrahim Salman. Mit seinen 56 Jahren kann sich der Regierungsbeamte aus Bagdad an die Kriege und die gewaltsame Niederschlagung der Aufstände durch den Ende 2006 hingerichteten Gewaltherrscher noch gut erinnern. Wenn er zu Saddams Zeiten so wie jetzt öffentlich die Führung kritisiert hätte, wäre er mit Sicherheit inhaftiert und misshandelt worden. Doch er sieht vor allem, dass das Leben für jeden einzelnen irakischen Bürger - mit Ausnahme der Menschen in den kurdischen Autonomiegebieten - heute noch viel gefährlicher ist als vor fünf Jahren.

Ein ähnliches Fazit zieht auch die arabische Tageszeitung "Al-Hayat". In einem Kommentar zum Jahrestag fragt sie am Montag: "Was wäre denn, wenn Saddam aus seinem Grab aufstehen würde, um die Iraker zu fragen: "Wie erklärt Ihr Euch, dass die Zahl derjenigen, die während meiner kurzen Abwesenheit getötet wurden höher ist als die Zahl derjenigen, die während meiner langen Regierungszeit starben?""

Die Schiiten-Allianz von Ministerpräsident Nuri al-Maliki, die zusammen mit den Kurdenparteien die Regierungskoalition dominiert, gibt Saddam aber auch nach seinem Tode noch die Schuld an der Spirale von Gewalt und Gegengewalt, die heute den Alltag der Iraker bestimmt.

"Er ist der Hauptverantwortliche für die Gewalt und Zerstörung, die wir heute im Irak erleben, denn dahinter stecken die Anhänger seines Systems", meint der zur Schiiten-Allianz gehörende Parlamentsabgeordnete Dschalal al-Din al-Saghir.

Auch ausländische Beobachter sind der Ansicht, dass das Klima der Angst und Unterdrückung, das während der Saddam-Ära herrschte, ein Grund dafür ist, dass die Iraker heute nicht in der Lage sind, ihre alten ethnischen, religiösen und politischen Konflikte auf friedliche Art und Weise zu lösen. Sie vergleichen die Lage gerne mit einem Druckkochtopf, bei dem plötzlich das Ventil geöffnet wird. Doch kaum jemand leugnet inzwischen noch, dass auch die Besetzung des Landes durch die von den USA angeführten Truppen ihren Teil zur Eskalation der Lage beigetragen hat.

Zum Beginn des fünften Jahres nach dem Sturz des Saddam-Regimes versuchen die meisten Iraker ihr Überleben zu sichern, indem sie sich noch enger als in den Jahrzehnten zuvor an ihre eigene Volks- oder Religionsgruppe klammern. Schiiten suchen Schutz in Vierteln, in denen die schiitischen Milizen den Ton angeben. Sunniten flüchten in sunnitische Regionen. Die Kurden zieht es in die inzwischen zunehmend von den Kurdenparteien kontrollierte Stadt Kirkuk und in das kurdische Autonomiegebiet im Norden des Landes. Die Christen, die keine Miliz haben, verlassen das Land und suchen vor allem Unterschlupf im benachbarten Syrien. Ihnen geht es genau wie denjenigen Irakern, die "gemischten Ehen" zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden entstammen. Für ihren Schutz fühlt sich niemand zuständig.