Gewaltsamer Babytod gibt weiter Rätsel auf

„Wir geben Dir den Namen Laura Stern“ - mit einem Zettel in einer Klarsichthülle erinnern die Nachbarn in Hamburg-Osdorf an den gewaltsamen Tod des kleinen Mädchens auf dem Rasen vor einem Hochhaus.

Plüschtiere, Sonnenblumen und Kerzen schmücken den Ort, an dem das Neugeborene am vergangenen Sonnabend beim Aufprall aus dem 10. Stock zu Tode kam.

Bei einem Gottesdienst am Donnerstagabend haben sich viele Kinder und Eltern in der kleinen Kirche vom Hamburg-Osdorf versammelt. "Es gibt nichts zarteres als ein Neugeborenes", sagt die Pastorin zur Begrüßung. Gemeinsam mit einer Kollegin gibt sie den Menschen aus dem Stadtteil Gelegenheit zum Gedankenaustausch und Gedenken nach der grausigen Tat. Dicht gedrängt sitzen die Bewohner des Stadtteils beisammen.

"Ich lese immer Verzweiflungstat, so verzweifelt kann man doch nicht sein, ich bin auch mit 17 Mutter geworden", sagt eine Besucherin zu ihrer Sitznachbarin. Viele Bewohner aus dem Viertel haben Blumen und Kerzen mitgebracht. Auf einer Zettelwand fassen die Menschen zusammen, was ihnen durch den Kopf geht: "Ein Ende ohne Anfang", hat ein kleines Mädchen aufgeschrieben. "Warum, warum nur musste ein Leben, welches nicht mal richtig begonnen hatte, auf diese grausame Weise zu Ende gehen", trägt eine Frau auf ihrem Zettel ein.

Der brutale Babytod wirft auch fast eine Woche nach der Tat noch viele Fragen auf: Im Zentrum der Ermittlungen steht seit Mittwoch die 26 Jahre alte Mutter. Nach einer überraschenden Wende in dem Fall - die Frau verhedderte sich in Widersprüche bei ihrer Aussage - erließ ein Richter Haftbefehl gegen sie. Es gebe hinreichenden Tatverdacht, dass die Frau Ihr Kind selbst getötet hat und nicht wie von ihr behauptet ihr 23-jähriger Freund.

Hinter dem Verdacht verbirgt sich ein schreckliches Szenario: Die 26-Jährige bringt ihr Kind allein in der Wohnung zur Welt. Dann wird das neu geborene Mädchen aus der Wohnung im 10. Stock geworfen - das ist rund doppelt so hoch wie der 10-Meter-Sprungturm in einem Schwimmbad. Beim Aufprall, so ergeben die Untersuchungen der Rechtsmediziner - stirbt das kleine Mädchen auf den Rasen vor dem Haus.

"Über ihre Motive liegen uns noch keine Erkenntnisse vor", sagte Polizeisprecherin Karina Sadowsky am Donnerstag. Besonders tragisch: Nach ersten Erkenntnissen der Polizei soll die 26-Jährige auch als Babysitterin gejobbt und auf die Kinder anderer Leute aufgepasst haben. "Wie oft sie Babysitterin war, wissen wir aber noch nicht", sagte die Polizeisprecherin.

Die Beamten untersuchen jetzt auch die Familienverhältnisse der 26-Jährigen, ihre Beziehung zu dem 23 Jahre alten, mutmaßlichen Kindsvater. Nachdem sich die Mutter am Dienstag den Ermittlern gestellt hatte, beschuldigte sie zunächst den Mann. Die Polizei startete eine Großfahndung in ganz Deutschland nach dem 23-Jährigen. Am Mittwochabend meldete sich der Mann bei der Polizei und wurde von der Mordkommission befragt. "Seine Aussagen haben zum Teil die Mutter belastet", hieß es am Donnerstag von der Polizei.

Die Motive von Frauen, ihre neugeborenen Kinder zu töten, sind nach Auffassung des Kieler Psychologen Prof. Günter Köhnken sehr unterschiedlich. "Es gibt ein breites Spektrum zu möglichen Motiven", sagte der Wissenschaftler, der an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) lehrt. "Die Beweggründe reichen von geplantem Mord bis hin zu Verzweiflungstaten", schilderte der Experte. "Wenn ein Kind getötet worden ist, kann eine mögliche Ursache darin liegen, dass es das eigene Leben stört."