Oberlandesgericht Stuttgart:

Ex-RAF-Terroristin Mohnhaupt kommt bald auf freien Fuß

Die zu lebenslanger Haft verurteilte Mohnhaupt wird auf Bewährung entlassen und darf die Justizvollzugsanstalt im bayerischen Aichach am 27. März verlassen.

Der Satzbau missriet, doch die Botschaft war unmissverständlich: "Das Verhältnis zwischen uns, dem Gericht, der Justiz und der Bundesanwaltschaft ist der genaue Begriff Krieg", fuhr die zierliche blonde Frau den Vorsitzenden Richter an. Der hatte sie nach ihrer RAF-Mitgliedschaft gefragt. Brigitte Mohnhaupt war an jenem Julitag 1976 im Stammheim-Prozess als Zeugin vor das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart geladen. Doch sie lehnte es ab, den Vertretern des verhassten Staates Rede und Antwort zu stehen. Mehr als drei Jahrzehnte danach dürfte aber auch für sie der "Krieg" zu Ende sein: Am Montag gab ebenjenes Oberlandesgericht Stuttgart bekannt, dass die heute 57-Jährige am 27. März entlassen wird.

Nach mehr als 24 Jahren Haft kommt damit eine Hauptverantwortliche der brutalen Terroranschläge im "Deutschen Herbst" des Jahres 1977 auf freien Fuß. Sie gehörte zum Mordkommando bei der Erschießung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sie feuerte die tödlichen Schüsse auf Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto ab, und bei der Entführung und Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer koordinierte sie als Rädelsführerin die Aktivitäten von 20 RAF-Terroristen. Bis zu ihrer Festnahme im November 1982 galt die Frau mit der hochfahrenden Arroganz einer selbst ernannten Terror- Avantgarde als der strategische Kopf der zweiten RAF-Generation.

Als das OLG Stuttgart 1985 fünf Mal lebenslang und 15 Jahre Haft verhängte, klang das fast so, als sollte die einstige Hardlinerin das Gefängnis nie mehr verlassen. Doch später machte die Justiz deutlich, dass sie mit Kategorien wie Krieg nichts zu schaffen hat: Als wäre es ein Fall wie jeder andere, beantragte die Bundesanwaltschaft - streng nach Fakten- und Paragrafenlage -, jene Frau auf Bewährung zu entlassen, die auch für den Mord an Buback verurteilt worden war.

Das Bild der zu allem entschlossenen Top-Terroristin dürfte also Geschichte zu sein. Sie sei nicht unsympathisch und ein durchaus hilfsbereiter Mensch, sagte in einem Zeitungsinterview Wolfgang Deuschl, der Leiter der Justizvollzugsanstalt im bayerischen Aichach. Dort hat sich Mohnhaupt längst in den Vollzugsalltag gefügt, nachdem sie in den ersten Jahren noch die Teilnahme am gemeinschaftlichen Fernsehen oder Hofgang abgelehnt hatte. Dass sie "umgänglich" sei, hatte ihr früher bereits Horst Bubeck bescheinigt, Wachbeamter im Stammheimer Gefängnis des Jahres 1977. Dort war Mohnhaupt seinerzeit von den RAF-Häftlingen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe systematisch auf ihre Führungsrolle vorbereitet worden.

Und ihre "Kriminalprognose" ist eindeutig positiv. Niemand glaubt, dass sie wieder straffällig wird. Die Zeiten der RAF sind für sie vorbei, der Auflösungserklärung von 1998 hat sie sich angeschlossen. Der Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele habe Mohnhaupt, die nicht zum Taktieren neige, glaubhaft abgeschworen, ist zu hören.

Andererseits: Ein Wort der Entschuldigung an die Angehörigen der Opfer lässt auch sie bisher vermissen, ähnlich wie ihr einstiger Komplize Christian Klar. Es heißt, mehr als der pauschale Satz, für die Taten der RAF übernehme sie die "Verantwortung", sei ihr bisher nicht über die Lippen gekommen. Sie habe mit der RAF abgeschlossen, weil das Thema Geschichte sei - doch vom damaligen RAF-Terrorismus hat sie sich nach dpa-Informationen nicht distanziert. Als eher unwahrscheinlich gilt auch dass sie - wie von Bubacks Sohn Michael angemahnt - preisgibt, wer bei Buback oder Schleyer letztlich die tödlichen Schüsse abfeuerte. Da dürfte der strikte RAF-Schweigekodex nachwirken, der wenig Schlimmeres kannte als den Verrat.

Der Wissenschaftler und RAF-Kenner Wolfgang Kraushaar vermutet, dass Mohnhaupt oder Klar psychologisch gar nicht in der Lage sind, die einstige RAF-Identität einfach wegzuwerfen. Denn die 1949 geborene Brigitte Mohnhaupt hat wenig anderes erlebt. Schon 1970 schloss sie sich der Baader-Meinhof-Bande an, 1972 wurde sie zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Seither kennt ihr Leben nur noch zwei Zustände: Untergrund und Gefängnis.

Die "Lebenslüge RAF" könnte nach der Entlassung zur regelrechten "Identitätskrücke" werden, sagt Kraushaar - also zu einer Gehhilfe, die den Sturz ins Nichts verhindern soll. So sehr sich Mohnhaupt auf den einst bekriegten Staat in Gestalt des Justizvollzugs eingelassen hat: Anders als Klar hat sie kein Gnadengesuch gestellt.