Aids-Prozess: Libysches Gericht schmettert Revision ab

Todesstrafen bestätigt

Fünf bulgarische Krankenschwestern und ein palästinensischer Arzt sollen über 400 libysche Kinder absichtlich mit Aids infiziert haben. Die Angeklagten beteuern, unter Folter zu ihren Geständnissen gezwungen worden zu sein.

Tripolis. Ein libysches Berufungsgericht hat am Dienstag die Todesurteile gegen fünf bulgarische Krankenschwestern und einen palästinensischen Arzt bestätigt. Ihnen wird vorgeworfen, in einem Krankenhaus in Bengasi mehr als 400 Kinder vorsätzlich mit dem Aids-Erreger infiziert zu haben. Die Angeklagten, die seit fast sieben Jahren in Haft sind, nahmen das Urteil äußerlich regungslos auf. Sie können Berufung beim Obersten Gerichtshof einlegen.

Bereits im Mai 2004 waren der Arzt und die Krankenschwestern in erster Instanz zum Tod durch Erschießen verurteilt worden. Während des Prozesses erklärten die Angeklagten, es seien Geständnisse unter Folter erzwungen worden. Nach internationalen Protesten hob der Oberste Gerichtshof Libyens die Todesurteile vor einem Jahr auf.

Todesurteil löste Jubel aus Die Angehörigen der infizierten Kinder, von denen zwischenzeitlich etwa 50 starben, reagierten auf die Entscheidung des Berufungsgerichts mit Jubel. "Gott ist groß", rief Ibrahim Mohammed al Aurabi, der Vater eines betroffenen Jungen. "Lang lebe die libysche Justiz!" Schon vor der Urteilsverkündung hatten sich Eltern vor dem Gerichtsgebäude versammelt. Sie hielten Spruchbänder hoch, auf denen stand: "Tod den Kindermördern" oder "HIV made in Bulgarien".

Vorwürfe gelten im Ausland als haltlos Im Ausland gelten die Vorwürfe gegen die Krankenschwestern und den Arzt als haltlos. Bulgarien kritisierte das Urteil am Dienstag und bekräftigte die Auffassung, wonach schlechte hygienische Verhältnisse in dem Krankenhaus für die HIV-Infektionen verantwortlich sind. "Unschuldige Menschen zum Tode zu verurteilen, ist ein Versuch, die wahren Schuldigen zu decken", sagte Parlamentspräsident Georgi Pirinski.

Virus bereits vorher entdeckt Einer der Entdecker des Aids-Erregers, der französische Arzt Luc Montagnier, sagte im ersten Prozess aus, das HI-Virus sei schon in der Klinik aufgetaucht, bevor die Krankenschwestern ihre Arbeit dort aufgenommen hätten. Auch eine kürzlich veröffentlichte Studie entlastet die Angeklagten. Das Virus sei übertragen worden, bevor die Krankenschwestern und der Arzt in Bengasi eingetroffen seien, heißt es in der Untersuchung, die das Fachmagazin "Nature" Anfang Dezember abdruckte. Die Ergebnisse basieren auf einer genetischen Analyse.