Studie: Opferzahlen im Irak zehnmal höher als angenommen

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Zufolge einer unabhängigen US-Studie sollen im Irak seit der amerikanischen Invasion im März 2003 fast 655 000 Menschen getötet worden sein. Sowohl die irakische als auch die US-Regierung haben diese Zahl als „völlig überzogen“ zurückgewiesen. Eine Gegendarstellung mit verlässlichen Zahlen der Todesopfer legten sie nicht vor.

Bagdad. Die nicht von der US-Regierung finanzierte Studie wurde von Wissenschaftlern um Gilbert Burnham von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) angefertigt. Sie erschien in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet". Die darin mit fast 665 000 bezifferte Zahl der Menschenopfer im Irak seit Kriegsbeginn übersteigt die bisherigen Schätzungen um mehr als das Zehnfache. Zufolge der Untersuchung seien 56 Prozent durch Schusswaffen getötet worden. Dabei würden 31 Prozent auf das Konto der Koalitionstruppen gehen.

Für die Studie hatten die Forscher Zahlen aus 1849 Haushalten auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Die Autoren räumten ein, dass die Datenbasis "extreme Unsicherheiten" berge. Die irakische Regierung erklärte, in der Studie seien alle Regeln der Genauigkeit in der Forschung missachtet worden. Die Zahlen seien "völlig überzogen" und "weit von der Wahrheit entfernt". Eigene Zahlen legte die Regierung jedoch nicht vor. Eine Schätzung über die Zahl der Todesopfer gab dagegen die unabhängige Gruppe Iraqi Body Count ab. Demzufolge seien seit Kriegsbeginn 44 000 bis 49 000 Iraker getötet worden. Die Organisation räumt aber ein, dass diese Zahlen nur auf Medienberichten beruhen, weshalb "viele, wenn nicht die meisten zivilen Opfer" übersehen würden.

Auch US-Präsident George W. Bush wies die Angaben der Studie wenige Stunden nach Bekanntwerden zurück. Die Untersuchung sei nicht glaubwürdig, erklärte er. Bush gestand aber ein, der Irak mache schwere Zeiten durch. Gegenwärtig bereitet sich das US-Heer darauf vor, die aktuelle Truppenstärke im Irak bis 2010 beizubehalten.

Nach Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums wurden im September allein in Bagdad fast 2700 Menschen Opfer der Gewalt. Das waren 400 mehr als im August, als irakische Sicherheitskräfte und US-Truppen eine Offensive starteten, um die Gewalt einzudämmen. Die Angriffe gehen sowohl von extremistischen Sunniten oder Schiiten als auch von Aufständischen und Terroristen aus.

Der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, erklärte in Genf, Morde aus Rache seien im Irak an der Tagesordnung. Er verwies darauf, dass nach den Statistiken täglich rund 100 Menschen einem Gewaltverbrechen zum Opfer fielen. Die Gewalt richte sich gegen Polizisten, Soldaten, Richter und Anwälte. Frauen würden immer häufiger Opfer so genannter Ehrenmorde. Deshalb seien in den vergangenen acht Monaten mehr als 300 000 Menschen aus ihren Häusern geflüchtet.

Unterdessen steigt die Zahl der Todesopfer im Irak nahezu stündlich. Am heutigen Donnerstag sind bei Anschlägen und Attentaten im Irak mindestens 23 Menschen ums Leben gekommen. Extremisten haben bei einem Angriff auf das Büro des Fernsehsenders Al-Schabija im Osten von Bagdad neun Menschen erschossen. Nach Angaben eines Polizeisprechers handelt es sich bei den Opfern um Wachleute und Journalisten. Ferner starben in Bagdad fünf Iraker als eine Autobombe und ein Sprengsatz auf einem Platz explodierten. Bei einer Attacke auf eine Polizeipatrouille im Norden der irakischen Hauptstadt starben drei Menschen.

( ap, afp, rtr, dpa, abendblatt.de )