GenuA

Abtauchen zur Gemüse-Farm

GenuA. Der Ort, an dem Idealisten eine drängende Menschheitsfrage lösen wollen, liegt paradiesisch am Fuß einer alten Burg unweit von Genua. Palmen werfen lange Schatten auf die Promenade des italienischen Badestädtchens Noli, der Strand ist übersät mit blauen Sonnenschirmen. Sergio Gamberini begrüßt den Besucher mit einem freundlichen Handschlag. Der 62-Jährige trägt T-Shirt und Badehose, das lockig-graue Haar ist windzerzaust. Gamberini führt über einen schmalen Steg vorbei an Umkleidekabinen zu einer unscheinbaren weißen Hütte. „Das hier“, sagt er und öffnet die Tür, „ist der Kontrollraum. Willkommen in ,Nemos Garten‘.“

In dem vier Quadratmeter kleinen Verschlag stehen ein Hocker, ein Tischchen und mehrere Computerbildschirme, darauf flimmern Kamerabilder aus dem Innern der sechs transparenten Kuppeln, die Gamberini und sein Team vor der Küste auf dem Meeresgrund verankert haben. Darin baut er mehr als 400 Pflanzen an – Basilikum und Tomaten, Oregano und Erdbeersträucher. Vor fünf Jahren, als er das erste Unterwasser-Gewächshaus im Meer verankerte, sei alles nur ein Experiment gewesen, sagt Gamberini. Das Projekt habe jedoch das Potenzial, die Landwirtschaft grundlegend zu verändern. „Statt weltweit immer mehr Wälder in Ackerland zu verwandeln, nutzen wir den Meeresboden. Die Kapazitäten sind gewaltig. Eines Tages könnten wir mit dieser Technik Hungersnöte bekämpfen.“

Gamberini, der „Nemos Garten“ zusammen mit seinem Sohn Luca betreibt, sorgt sich um die Zukunft der Menschheit. In den letzten 30 Jahren hat sich die Weltbevölkerung auf 7,6 Milliarden verdoppelt, 2055 wird es nach Schätzungen der Vereinten Nationen schon zehn Milliarden Menschen geben. Wie sollen sie alle satt werden, ohne dass der Planet kollabiert? Angesichts ausgelaugter Böden, sich ausbreitender Monokulturen und Wassermangels sagt Gamberini, die Lage sei ernst.

Seine Pflanzen wachsen unter lichtdurchlässigen Plastikkuppeln. Gamberini reicht eine Tauchermaske: „Wollen Sie mal sehen?“ Nach ein paar Minuten im offenen Meer erreichen wir eine Boje – sie markiert die Stelle, an der die Gewächshäuser verankert sind. Und tatsächlich: In nicht mal zehn Meter Tiefe ruhen sie auf dem sandigen Meeresgrund, umgeben von kleinen Fischen. In den Kuppeln befindet sich Luft, die Pflanzen wachsen in Kübeln, die an hässliche Balkonkästen erinnern. Gamberinis Kräuter kommen ohne Trinkwasserzufuhr aus: Das im unteren Bereich stehende Salzwasser verdunstet, an der Decke bilden sich Süßwassertropfen, die dann wie Regen auf die Pflanzen fallen.

„Besser kann man Ressourcen nicht schonen“, findet Gamberini später nach der Rückkehr in den Kontrollraum. Ein weiterer Vorteil: Unter Wasser gibt es keine Schädlinge, Pestizide sind überflüssig. Ein Problem seien allerdings die Korallen, die die Kuppeln nach und nach zuwachsen und den Pflanzen das Sonnenlicht rauben.

Ob sich Gamberinis Idee durchsetzt, weiß aktuell niemand. Fest steht jedoch, dass sich der Gemüseanbau radikal verändern wird. Ingenieure, Agrarwissenschaftler und Biologen liefern sich einen regelrechten Wettstreit um die spektakulärste Innovation. Daniel Schubert vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) erwartet „in den nächsten Jahren ein ziemliches Umdenken und eine große Bewegung“.

Weltweit boomen alternative Agrar-Projekte

Er leitet ein Projekt, bei dem DLR-Forscher in Containern im ewigen Eis der Antarktis Tomaten züchten. Sie wollen herausfinden, ob Menschen auch an lebensfeindlichen Orten autark überleben können. Das Projekt soll eines Tages Astronauten bei Reisen zum Mars nützen, hat aber auch irdische Anwendungsmöglichkeiten. So kooperiert das DLR mit Marokko und Ägypten mit dem Ziel, in Containern mitten in der Wüste mit geringem Wasserbedarf Gemüse anzubauen.

Weltweit boomen solche Versuche. In Japan etwa gibt es bereits Hunderte Pflanzenfabriken – mehrstöckige Gebäude, in denen Gemüse unter künstlichem Licht wächst. Seit dem Atomunfall von Fukushima ist die Nachfrage nach unverstrahltem Salat explodiert. Und unter der Sonne Dubais entsteht ein Mega-Hochhaus, in dem pro Tag drei Tonnen Blattgemüse geerntet werden sollen und das mit nur einem Prozent des Wassers auskommt, das bei der Aufzucht im Freien verwendet würde. Geplante Eröffnung: 2019.

Drei Tonnen pro Tag – so effektiv ist Sergio Gamberinis Unterwasser-Gewächshaus lange nicht. Noch ist es für den privaten Verbrauch gedacht. Ende des Monats will er das Gemüse ernten – und er experimentiert weiter.