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Doku über den schillernden Gonzales

Das Finale der Filmdokumentation „Shut Up And Play The Piano“ von Philipp Jedicke könnte irrwitziger kaum sein. Und verdeutlicht zugleich, dass bei seinem Protagonisten Chilly Gonzales Respekt und Respektlosigkeit gegenüber der Klassik koexistieren können. Mit schweißnassem Haar, Pantoffeln und im schwarzen Satin-Bademantel liegt der kanadische Piano-Entertainer auf seinem Klavier, eingerahmt von Radio-Symphonieorchester Wien. „Und jetzt Crowdsurfing, los!“, ruft er und lässt sich vom Publikum auf Händen durch den Saal tragen, während die Musiker des Orchesters den opulenten Soundtrack dazu spielen.

Da kann sich selbst Chefdirigent Cornelius Meister das Grinsen nicht verkneifen. Dabei hatte jener zuvor gar nicht mal so schmeichelnde Worte über Gonzales’ Fingerfertigkeit verloren. Doch „Gonzo“, wie ihn Freunde nennen, hat sich so eine überlebensgroße Bühnenfigur erschaffen, dass so etwas an ihm abprallen dürften. Die Dokumentation offenbart aber nicht nur Größenwahn, sondern auch Selbstzweifel. Etwa wenn der Künstler gesteht, dass er noch mal neu Noten habe lernen müssen und ihm das seinen Amateurstatus bewusst gemacht hätte.

Doch wie ist er überhaupt zu dem Künstler geworden, der er heute ist? Regisseur Jedicke beleuchtet dafür das ambivalente Verhältnis zum Vater, einem ambitionierten Geschäftsmann, sowie zum Bruder Christophe Beck, als Komponist für Hollywood-Filme noch erfolgreicher. „Ich wollte nicht nur besser als mein Bruder sein, sondern auch tiefgründiger“, erklärt Gonzales seine Abgrenzung.

„Shut Up And Play The Piano“ D 2018, 85 Min., o.A., R: Philipp Jedicke, D: Chilly Gonzales, Sibylle Berg, Peaches, Leslie Feist, Jarvis Cocker, täglich
im Abaton (OmU), Koralle, Studio, Zeise (OmU); www.shutupandplaythepiano.com