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Ein Vater sucht seine verschwundene Tochter

Der außergewöhnliche Thriller „Searching“ von Aneesh Chaganty wird auf einem Computerbildschirmm erzählt

Eine Tochter verschwindet. Der Vater kann sich das nicht erklären. Und stößt bei seinen Nachforschungen auf immer neue Erkenntnisse. Und auch der Zuschauer wird auf immer neue Fährten gelockt, bis allmählich eine ernüchternde Wahrheit ans Licht kommt. Ein klassischer Thriller-Plot, schon vielfach im Kino variiert.

Was „Searching“, das außergewöhnliche Regiedebüt von Aneesh Chaganty, aber so einzigartig und sehenswert macht, ist seine konsequente Machart. Denn die ganze Geschichte wird auf einem Computerbildschirm erzählt. Die Leinwand wird zum Desktop. Social-Media-Programme, Skype, Tumblr, Chatforen und Newsfeeds sind Chagantys Handwerkszeug. Wie er das bis zuletzt mit Tricks und Kniffen durchhält, ist bewundernswert.

Keine Totalen. Keine Kamerafahrten. Kein Schuss/Gegenschuss. Alles beginnt mit einem blinkenden Cursor. Gleich zu Beginn lernen wir auf einer Windows-98-Oberfläche Familie Kim kennen. Vater David (John Cho), Mutter Pamela (Sara Sohn) und Tochter Margot (Michelle La). Bilder aus dem Familienalbum. Handyfilmchen von Margots Geburt. Erste Klavierstunden. In wenigen Minuten erfahren wir streiflichtartig vom Aufwachsen der Tochter. Und vom Krebstod der Mutter. Der Eintrag im Desktop-Kalender, dass Mutter heute aus dem Krankenhaus kommt, wird immer wieder nach hinten verschoben. Bis er gelöscht wird.

Die Betriebssysteme wechseln bis ins Heute, wo der Witwer und seine 16-jährige Margot im kalifornischen San José leben. Er arbeitet in der Computerbranche, Margot ist auf der High School. Sie scheinen glücklich. Sie kommunizieren viel übers Internet. Sie senden sich Textnachrichten, chatten, sprechen miteinander über Webcams. Eines Nachts versucht Margot dreimal vergeblich, den Vater zu erreichen. Am nächsten Morgen schlagen alle Versuche, die Tochter zurückzurufen, fehl. Margot ist verschollen.

Der Vater nimmt Kontakt zur Polizei auf, doch die verhuschte Ermittlerin Rosemary Vick (Debra Messing) ist keine große Hilfe. David macht sich im Alleingang im Netz auf die Suche. Und muss feststellen, dass er seine Tochter doch nicht so gut kannte, wie er glaubte. Er durchforscht ihre Chat-Kontakte. Stößt auf immer mehr Ungereimtheiten. Verdächtigt Schulfreunde, die mit dem Verschwinden zu tun haben könnten, ja sogar seinen eigenen Bruder Peter (Joseph Lee).

Die Ablenkungsmanöver, die den Zuschauer in die Irre führen sollen, sind zahlreich und teils absehbar, dennoch ist das Ende überraschend. Es fasziniert, wie tief die Charaktere trotz strenger Erzählform gezeichnet sind, allen voran der in seiner Verzweiflung großartige John Cho. „Searching“ ist ein gelungenes Experiment, dessen Möglichkeiten aber dennoch zu beschränkt bleiben, um Schule zu machen. Dafür ist die Kinoleinwand einfach zu groß.

„Searching“ USA 2018, 102 Min., ab 12 J.,
R: Aneesh Chaganty, D: John Cho, Debra Messing, Michelle La, täglich im Cinemaxx Dammtor/Harburg, Savoy (OF), Studio, UCIs Mundsburg/Othmarschen Park/Wandsbek; www.sonypictures.de