Berlin

Taube Ohren in jungen Jahren

Berlin.  Deutschlands Jugendliche haben was auf den Ohren. Kopfhörer überall. Beim Sport, im Schulbus, auf dem Fahrrad, im Bett. Experten fürchten, dass die Zahl junger Leute mit einem Hörschaden im Vergleich zu früher deutlich steigen könnte. Nach Schätzungen hat bereits heute jeder vierte deutsche Jugendliche eine beginnende Schwerhörigkeit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht eine Milliarde junge Menschen dem Risiko von Gehörschäden durch das Hören von zu lauter Musik ausgesetzt.

„Das ist eine sehr hohe Zahl, aber ich halte sie für realistisch“, sagt Oliver Bertram, seit 16 Jahren Oberarzt am Kinder- und Jugendkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Auch Bertram liebt die Musik. Er hat früher selbst Platten aufgenommen, geht bis heute auf Konzerte und ist Vater von vier Kindern, „die natürlich Kopfhörer tragen“.

Um seinen Patienten, seinen Kindern oder Schulklassen die Bedeutung eines gesunden Gehörs deutlich zu machen, versucht Bertram, ihnen die Auswirkungen geschädigter Ohren klarzumachen. „Diese Behinderung wird stark unterschätzt.“ So könnten sich viele ganz gut vorstellen, was es bedeutet, blind zu sein. Bei der Schwerhörigkeit sei das anders, sagt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt. „Steckt man sich die Finger in die Ohren, entspricht das höchstens einer leichtgradigen Schädigung.“ Die Mutter eines tauben Kindes habe ihm einmal gesagt, man könne es sich vielleicht wie einen Film ohne Ton vorstellen. „Mit Geräuschen werden Emotionen verstärkt. Machen Sie bei einem traurigen Film den Ton aus – und er verliert seine Emotionalität“, sagt Bertram.

Auch Professor Stefan Dazert ist sehr an Aufklärung gelegen. „Dem gesunden Gehör wird in der Gesellschaft eine zu geringe Bedeutung zugerechnet“, sagt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt von der Ruhr-Universität Bochum (RUB). „Aber am Ende ist ein funktionierendes Gehör für eine soziale Teilhabe entscheidend wichtig.“ Das versuche er jungen Menschen klarzumachen, „und das verstehen sie eigentlich auch“.

Nun wird ein Jugendlicher mit Kopfhörern auf den Ohren nicht gleich taub, wenn er seinen Lieblingssong laut aufdreht – auf oder sogar über die immer wieder genannte kritische Schwelle von 85 Dezibel (dB). Das entspricht etwa einem in fünf Meter Entfernung vorbeifahrenden Lkw. Aber auf Dauer nimmt das Ohr Schaden.

„Bei Musik handelt der Mensch irrational“

Konkret stellen die feinen Härchen der Hörsinneszellen im Innenohr ihre Funktion ein. Zunächst werden die äußeren Haarzellen geschädigt, später trifft es auch die inneren, dann wird der Mensch irgendwann taub. Die Zahl dieser Härchen nimmt ohnehin im Laufe eines Lebens kontinuierlich ab. Die Sinneszellen sind weder fähig, sich zu regenerieren, noch kann man sie künstlich ersetzen. Sind sie dauerhaft einer Lärmbelastung ausgesetzt, nimmt ihre Zahl umso schneller ab.

Man weiß, dass der Lärmpegel von ungefähr 85 dB über Monate oder Jahre hinweg, für acht Stunden täglich, fünf Tage in der Woche auf das Ohr einwirken muss, damit dieses dauerhaft geschädigt wird. Das klingt viel, aber ein Jugendlicher, der mehrere Stunden am Tag unter Kopfhörern verbringt, der am Wochenende noch auf ein Konzert geht, kommt an diese Lärmintensität heran. „Nur merken viele Jugendliche zunächst nicht, dass ihr Ohr Schaden genommen hat“, sagt Stefan Dazert. Denn zunächst seien es die hohen Frequenzen, die das Ohr nicht mehr verarbeiten könne. „Diese braucht man aber nicht, um etwa Sprache zu verstehen.“ Das Problem sei, dass sich Schäden am Ohr potenzierten. „Wenn ein Jugendlicher einen ersten Hörschaden hat, kann jede weitere, selbst kleine Lärmbelastung im Laufe seines Lebens dazu führen, dass der Schaden zunimmt“, sagt Dazert. Erst sind es die hohen Töne, die verloren gehen. Dann die mittleren Frequenzen und schließlich die dunklen Töne. Dann ist es kaum mehr möglich, einem Gespräch zu folgen, besonders in lauter Umgebung. „Deswegen ist die frühe Diagnose einer beginnenden Schwerhörigkeit das A und O“, sagt Dazert.

Erste Warnzeichen gibt es bereits vor einem bleibenden Schaden. „Wer etwa von einem Konzert oder aus der Disco kommt und das Gefühl von Watte im Ohr oder ein Druckgefühl auf dem Ohr hat, sollte seinem Gehör in den nächsten Tagen Ruhe gönnen“, sagt Oliver Bertram. Denn bis zu einem gewissen Maß seien die Sinneshärchen in der Lage, sich zu regenerieren.

Auch temporäre Ohrgeräusche wie ein Rauschen oder Piepen weisen auf erste Schäden hin. „Wer erste Anzeichen bereits während eines Konzertes feststellt, sollte zwischendurch rausgehen“, sagt Bertram, „oder einfach nach Hause gehen. Das ist nicht schlimm.“ Denn jedes Gehör sei individuell, mit Schwäche habe das nichts zu tun. Um vorzubeugen, empfiehlt Bertram für Konzerte Ohrstöpsel. „Das mache ich auch. Der Musikgenuss wird dadurch nicht geschmälert“, sagt er. Um bis zu 20 dB können die Stöpsel den Lärmpegel reduzieren. Da Kinder ihre ersten Konzerte meist in Begleitung der Eltern erleben, könnten diese Vorbild sein und selbst Stöpsel tragen.

Weil Abstand bei der Wirkung von Lärm ein sehr wichtiger Faktor ist, stellen Kopfhörer ein besonderes Problem dar. „Schall und Lärm werden dadurch direkt am Ohr platziert“, sagt Stefan Dazert. Er empfiehlt qualitativ hochwertige Over-Ear-Kopfhörer, also solche, die das Ohr bedecken. „Sie haben den Vorteil, dass sie die meisten Umgebungsgeräusche abhalten und man nicht das Gefühl hat, die Musik besonders laut drehen zu müssen, um andere Geräusche zu übertönen“, sagt Dazert. Er empfiehlt außerdem, die Lautstärke der Geräte auf nicht mehr als 60 Prozent der Leistungsfähigkeit zu stellen.

In der EU verkaufte Geräte wie Smartphones oder MP3-Player müssen zwar eine Begrenzung auf 85 dB voreingestellt haben, diese lässt sich aber in der Regel ausstellen und auf 100 dB anheben. Das ist der Lärmpegel, den ein Presslufthammer erreicht. Zwar muss dann alle 20 Stunden ein Warnhinweis erscheinen, aber über dessen Wirkung lasse sich streiten, glaubt Dazert. „Wenn es um Musik geht, handelt der Mensch irrational.“ Niemand würde sich bewusst neben einen Presslufthammer stellen, aber bei Musik, die man mag, toleriere man einen hohen Lärmpegel – „oder findet ihn besonders gut“.