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Unternehmen brauchen Regeln

Wirtschaftsdelikte und ethische Vergehen können Existenzen bedrohen.Auf wirksame Kontroll- undCompliance-Systeme sollten auch Mittelständler nicht verzichten

Dazu gehört schon ein hohes Maß an krimineller Energie: Mindestens vier Jahre lang haben zwei Männer das Bezirksamt Hamburg-Mitte um rund 300.000 Euro geprellt. Mit fingierten Fällen von Hilfsbedürftigen wirtschafteten der ehemalige Regionalleiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) und ein freier Mitarbeiter des Jugendamts diese Summe in die eigenen Taschen. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Hamburg Anklage wegen schweren Betrugs in 49 Fällen und schwerer Untreue erhoben. Den Angeklagten drohen hohe Freiheitsstrafen – den Imageschaden tragen jedoch auch die Behörde und der ASD. Offensichtlich wurden dem Regionalleiter die Vergehen leicht gemacht. In der Dienststelle habe es keinerlei effektive Kontrollen gegeben, heißt es in einem Schriftstück seines Rechtsanwalts.

Fälle wie dieser zeigen immer wieder: Compliance ist keine Modeerscheinung, sondern wichtiger denn je zum Schutz vor den schwerwiegenden Folgen von Wirtschaftskriminalität. In der freien Wirtschaft genauso wie im öffentlichen Dienst. Der Begriff stammt aus der amerikanischen Finanzwelt und bedeutet im betriebswirtschaftlichen Fachjargon Regeltreue, also das Befolgen von Gesetzen, Regeln und Richtlinien im Unternehmen. "Vor fast 15 Jahren noch fast völlig unbekannt, haben Com­pliance-Systeme inzwischen in sehr vielen deutschen Unternehmen Einzug gehalten", schreibt der Bundesverband der Deutschen Industrie. Der Begriff habe sich in der Wirtschaft und in Amtsstuben gleichermaßen durchgesetzt.

Neuer Kodex verweist auf den Ehrbaren Kaufmann

Dazu trägt nicht zuletzt bei, dass Medien und Konsumenten zunehmend genauer darauf achten, ob Unternehmen legal und ethisch korrekt wirtschaften. "Wir beobachten seit einigen Jahren ein Umdenken in der Gesellschaft hin zu mehr Werteorientierung", erklärt Malte Pas­sarge, Geschäftsführer des Vereins Pro Honore. Eine regelrechte Zäsur habe es durch Wirtschaftsskandale wie die Siemens-Affäre gegeben. Vor gut zehn Jahren flogen bei dem Münchner Elektrokonzern schwarze Kassen und Schmiergeldzahlungen in Milliardenhöhe auf.

Entscheidenden Einfluss auf die wachsende Bedeutung von Compliance hat aber auch die verschärfte Gesetzgebung. Bis Anfang des Jahrtausends konnten Unternehmen hierzulande Bestechungsgeld an ausländische Geschäftspartner als "nützliche Aufwendungen" bei der Steuer geltend machen. Erst seit September 2002 sind alle Schmiergeldzahlungen deutscher Firmen strafbar und steuerlich nicht mehr absetzbar.

Verantwortlich für die Regeltreue der Mitarbeiter sind die Unternehmenslenker. Ganz klar definieren dies das Aktiengesetz, das GmbH-Gesetz und der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) – ein Regelwerk für börsennotierte Unternehmen. Es zielt darauf ab, das Vertrauen in die Unternehmensführung deutscher Konzerne zu stärken, und soll Investoren mehr Transparenz bieten. "Der Vorstand hat für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen und der unternehmensinternen Richtlinien zu sorgen und wirkt auf deren Beachtung durch die Konzernunternehmen hin (Compliance)", heißt es in dem Kodex.

In seiner neuesten Version, die erst acht Monate alt ist, verweist der Kodex auf das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns. Die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft "verlangen nicht nur Legalität, sondern auch ethisch fundiertes, eigenverantwortliches Verhalten", heißt es da. Ehrlich, vertrauenswürdig, pünktlich, korrekt: All dies und mehr macht Kaufleute aus. "Ein Mann, ein Wort" – 500 Jahre alte Werte und Grundsätze sind also heute noch gültig, wenn es um gute Unternehmensführung geht.

Schwieriger denn je ist im 21. Jahrhundert allerdings ihre Einhaltung. "Weil heutzutage die Strukturen in den Unternehmen und im Geschäftsleben so komplex, Gesetze und Regularien so zahlreich geworden sind, benötigen Organisationen ein modernes Instrumentarium für die Umsetzung und Kontrolle. Compliance-Systeme sind daher unverzichtbar", sagt Malte Passarge. Unter seiner Leitung engagiert sich Pro Honore in Hamburg für lauteren Wettbewerb und den Kampf gegen Wirtschaftskriminalität.

Kommt es zu Delikten, sind die Folgen für kleine und mittlere Unternehmen meist besonders schwerwiegend. Mehr noch als für große Konzerne kann mangelhafte Compliance für sie zum Existenzrisiko werden. Besonders bei Korruption und Kartellverstößen drohen neben Haftstrafen ein hohes Bußgeld, massive Gewinnabschöpfungen und Schadenersatzansprüche. Hinzu kommt meist ein immenser Image- und Bonitätsschaden. Doch gerade im Mittelstand habe sich Compliance noch nicht hinreichend durchgesetzt, sagt Jurist Passarge. So verfügen 40 Prozent der mittelständischen Unternehmen nicht über ein institutionalisiertes Compliance-Risikomanagement, wie die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG im Rahmen einer Studie herausfand.

Hamburger Zertifikat für mittelständische Unternehmen

Dieser Problematik haben sich Pro Honore und die Hamburger Handelskammer angenommen und das speziell auf den Mittelstand zugeschnittene Hamburger Compliance Zertifikat ins Leben gerufen. Das Zertifikat ermöglicht es kleineren und mittelgroßen Betrieben, ein schlankes und effizientes Com­pliance-System einzuführen und dies werbewirksam nach außen zu tragen. Den rechtlichen Rahmen steckt der modular aufgebaute Hamburg Compliance Standard ab. Zusätzlich zur Rechtssicherheit profitieren zertifizierte Unternehmen durch erfolgreiches Marketing, verbesserte Wettbewerbsfähigkeit und eine positivere Unternehmenskultur.

Als erster Betrieb wurde die Peter Ahrens Bauunternehmen GmbH zertifiziert. "Die Mitarbeiter sind geschult und achten genauso auf die Einhaltung der Prozesse wie die Geschäftsführung", sagt Christian Peter Ahrens, geschäftsführender Gesellschafter des ältesten inhabergeführten Bauunternehmens der Hansestadt. Eines der jüngeren Beispiele ist die DS Schiffahrt GmbH & Co. KG, ein international agierender Hamburger Dienstleister für Schiffsmanagement. Mit der SLM AG aus Lübeck erhielt das erste börsennotierte Unternehmen das Hamburger Compliance Zertifikat.

Doch überall gibt es auch schwarze Schafe. Wohin können sich Mitarbeiter wenden, die Regelverstöße mitbekommen? Wie können Betroffene anonym und geschützt zur Aufklärung und Sanktion von Fehlverhalten beitragen? Jedes Compliance-System sollte eine unabhängige Stelle vorsehen, die im Sinne eines Ombudsmanns Informationen entgegennimmt und weiterleitet.

Von jedermann kostenlos kontaktiert werden kann die Hamburger Vertrauensstelle zum Schutz vor Kriminalität in der Wirtschaft. Sie ist ein gemeinsames Angebot von der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns, Pro Honore sowie Handels- und Handwerkskammer. 50 bis 80 Hinweise jährlich erreichen die Hamburger Vertrauensstelle.

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