Rom

„Ich habe die Hölle gesehen“

Rom. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, als die Erde am Sonntagmorgen um 7.40 Uhr für 30 Sekunden bebte. „Ich habe die Hölle gesehen. Alles ist eingestürzt. Es ist ein Desaster“, sagte der Bürgermeister von Ussita, Marco Rinaldi. Er hatte die Nacht im Auto verbracht. Die kleine Gemeinde in der Region Marken war schon bei dem starken Erdbeben vom 26. Oktober fast komplett zerstört worden.

Selbst in der Hauptstadt Rom, 120 Kilometer südwestlich vom Erdbebengebiet, stürzten Menschen panisch aus ihren Häusern auf die Straße. Viele waren von dem langen Erdstoß aus dem Schlaf gerissen worden. In höheren Etagen bebte der Fußboden bis zu eine Minute. Kurz nach dem Erdstoß wurde die U-Bahn in der Hauptstadt geschlossen, genauso wie die San-Paolo-Basilika, weil Teile vom Dachsims gestürzt waren.

Nicht einmal eine Woche sind die letzten Erdstöße in der Region her. Diesmal wurden rund 20 Menschen verletzt, zunächst gab es keine Berichte über Tote. Das Epizentrum des neuerlichen Erdbebens lag wieder im Dreieck zwischen Umbrien, den Marken und Latium, diesmal bei der Kleinstadt Norcia. Dort stürzte die Sankt-Benedikt-Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert ein. Der Erdstoß hatte eine Stärke von 6,5, „die Kraft von vier Nagasaki-Atombomben“, wie es ein Geologe nannte. Es ist das stärkste Beben seit 1980, als Irpinia bei Neapel mit einer Stärke von ebenfalls 6,5 erschüttert wurde. Damals gab es 2914 Tote und 8848 Verletzte. Heftiger mit einem Wert von 7,1 war im letzten Jahrhundert nur das Erdbeben von Messina auf Sizilien 1908, bei dem mehr als 100.000 Menschen starben.

Das jüngste Erdbeben zerstörte wichtige Verbindungsstraßen. Tiefe Risse bildeten sich in der Konsularstraße Salaria bei dem Ort Accumoli. Die Salaria ist eine der zentralen Verbindungsstraßen nach Rom. Zivilschutzchef Fabrizio Curcio leitete Rettungsmaßnahmen für die Bewohner der abgelegenen Gegenden per Helikopter ein. Sechs Beobachtungsflugzeuge wurden eingesetzt. Als „ein Wunder“ bezeichnete es der Bürgermeister von Norcia, Riccardo Alemanno, dass es bisher keine Todesopfer gab. Das ist aber auch einer intensiven Präventionsarbeit der vergangenen Jahre zu verdanken. Nach früheren Erdbeben waren die meisten Gebäude in Norcia erdbebensicher saniert worden. Dennoch ist die Zahl der Obdachlosen nach der jüngsten Erdbebenserie in Mittelitalien allein in der Region Marken auf mehr als 25.000 gestiegen.

Für Angst in der Bevölkerung sorgt nun die Expertenmeinung, dass es in den kommenden Tagen, Monaten oder Jahren zu immer neuen Erdstößen kommen könne. Ganz Italien ist erdbebengefährdet, da hier die eurasische und die afrikanischen Platte aufeinandertreffen. Ursache der Erdbeben der letzten Monate ist das Absacken einer etwa 20 Kilometer langen Kruste unter Mittelitalien. Der Chef der geologischen Abteilung des nationalen Forschungsinstitutes CNR, Paolo Messina, sprach von einem Dominoeffekt: „Wenn sich entlang einer Erdbebenlinie bei einem Erdstoß Massen verschieben, können weitere Erdbeben ausgelöst werden.“

Nun komme es darauf an, die Ruhe zu bewahren, sagte Italiens Premier Matteo Renzi: „Wir werden alles wieder aufbauen.“ Der Papst betete auf dem Petersplatz für die Betroffenen. Eine alte Frau aus dem Örtchen Porto Sant’Elpidio im Erdbebengebiet sagte Reportern: „Es gibt so viele Heilige in dieser Gegend, den Heiligen Benedikt und die Heilige Rita von Cascia. Die müssen uns doch in unserem Leben noch ein bisschen Ruhe gönnen!“