New York

Die Frau im weißen Kittel ist tot

New York. Es geschah am 14. August 1945, dem Tag des Sieges der US-Streitkräfte über die Japaner: Auf dem Times Square in New York herrscht überschwängliche Freude über den „Victory Day“. Mitten auf dem Platz nimmt ein Marinesoldat eine junge Zahnarzthelferin in den Arm und küsst sie. Das Foto dieser Begegnung ist bis heute ein Symbol für den Sieg der Amerikaner und ihrer Verbündeten im Zweiten Weltkrieg. Nun ist Greta Friedman, die Frau in dem weißen Kittel, im Alter von 92 Jahren gestorben.

Es war kein romantischer Kuss, hat Friedman vor einigen Jahren in einem Interview erzählt. Im Gegenteil – nach heutigen Maßstäben würde man wohl von sexueller Belästigung sprechen: In ihrer Mittagspause habe sie die Arztpraxis verlassen und sich der jubelnden Menge auf dem Times Square angeschlossen. Dort traf sie auf den Soldaten George Mendonsa: „Ich sah ihn überhaupt nicht auf mich zukommen, da hatte er mich schon im Arm!“ Gesprochen worden sei nicht, sagte Friedman, und danach sei jeder seiner Wege gegangen. Die Szene wurde von dem deutsch-amerikanischen Fotografen Alfred Eisenstaedt (1898–1995) festgehalten, der im Auftrag des „Life“-Magazins am Times Square unterwegs war. Zur Ikone wurde das Foto, weil es den Jubel über den Sieg am Beispiel zweier anonymer Menschen einfing – und weil auf der Schwarz-Weiß-Aufnahme die in weiß gekleidete Zahnarzthelferin und der dunkel gekleidete Soldat den perfekten Kontrast ergaben.

Greta Friedman war damals 21 Jahre alt. Mit 15 war sie aus ihrer Heimat Österreich in die USA geflüchtet, beide Eltern kamen im Holocaust um. Von dem Foto hat sie erst Anfang der 60er-Jahre erfahren. Und erst 2012 traf sie George Mendonsa wieder: Der TV-Sender CBS hatte das Treffen der beiden an genau dem Ort arrangiert, an dem der legendäre Kuss stattgefunden hatte. Mendonsas Rechtfertigung: „Ich war so aufgeregt, dass der Krieg zu Ende war, und hatte auch schon ein paar gekippt, als ich die Schwester sah, also nahm sie einfach in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf.“

Greta Friedman hatte inzwischen geheiratet, zwei Kinder bekommen und als Buchrestauratorin und Designerin für Puppenkleider gearbeitet. 1981 machte sie ihren Universitätsabschluss – im selben Jahr wie ihr Sohn und ihre Tochter. Wie ihr Sohn CBS erzählte, lebte seine Mutter in den letzten beiden Jahren in einem Altersheim. Das Foto, sagte sie einmal, sei ein „wunderbarer Zufall“ gewesen.