Kolumne

Der Bunker, der Mediengeschichte schrieb

Irene Jung

Irene Jung

Foto: Andreas Laible / HA

Was tun mit dem Klotz an der Feldstraße? Der geplante Dachgarten zwingt uns zur Diskussion

Manche Bauwerke machen es einem schwer, ein Gefühl dafür zu bekommen. Dazu gehören die Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. In der NS-Zeit wurden in Hamburg mehr Bunker errichtet als in jeder anderen deutschen Stadt, etwa 700 sind noch über das Stadtgebiet verteilt. Der ehemalige Flakbunker an der Feldstraße aber ist eine Besonderheit, nicht nur als größtes erhaltenes Kriegsbauwerk in Hamburg, sondern auch als Kernort der Mediengeschichte. Vielleicht gehen die Meinungen unter den Anwohnern im Karolinenviertel und auf St. Pauli, den Denkmalschützern, Gartenfreunden und Politikern im Bezirk Mitte deshalb so weit auseinander angesichts der neuen Pläne auf dem Bunker.

Als größter Flakturm Norddeutschlands sollte der Bunker im Krieg die gesamte Innenstadt und den Hafen verteidigen. An den Bauarbeiten 1942 waren mehr als 1000 Zwangsarbeiter beteiligt, deren Geschichte noch weitgehend unbearbeitet ist – nichts erinnert an sie. Ab 1943 strömten täglich bis zu 25.000 Anwohner in den Bunker, in den Bombennächten wurden hier Kinder geboren und Verwundete operiert und tagten sogar heimlich Widerstandsgruppen. Nach 1945 lebten Hunderte Ausgebombte in den Räumen. In dem Flak- und dem kleineren „Leitbunker“ am anderen Ende des Heiligengeistfeldes entstand der Nordwestdeutsche Rundfunk unter Kontrolle der Briten. Axel Eggebrecht und Peter von Zahn gründeten hier die erste Programmzeitschrift, Verleger Axel Springer entwickelte 1947 mit einem kleinen Stab die erste Probenummer des Hamburger Abendblatts. Auch die allerersten Fernseh-Versuche starteten um 1951/52 in den beiden Bunkern. Vom Heiligengeistfeld aus wurde am 26. Dezember 1952 die erste „Tagesschau“ ausgestrahlt. 1971 machte der bekannte Hamburger Fotograf F. C. Gundlach den Flakbunker mit seiner Firma PPS zum Zentrum der Fotografie, einem Muss für alle Fotografen, Art-Direktoren und Fotoredaktionen der Bundesrepublik. 1993 verkaufte er PPS an den Unternehmensberater Thomas Matzen, der den Bunker zum Zentrum für kleine Medienfirmen ausbaute. Mit dem Uebel & Gefährlich zog dort auch ein Flaggschiff der Clubkultur ein.

Was kann, was darf man mit einem Bunker machen? Der Wilhelmsburger Flakbunker ist äußerlich ein Mahnmal mit Café auf dem Dach und innen ein regeneratives Kraftwerk, der frühere U-Boot-Bunker Valentin in Bremen ein „Denkort“ mit Besucherzentrum. Thomas Matzen hat für den Feldstraßen-Bunker besonders ehrgeizige Pläne: Er möchte auf dem Dach pyramidenförmige, fünfstöckige Aufbauten errichten und sie mit einem öffentlichen Stadtgarten begrünen.

Das ist vor dem Hintergrund der Bunker-Geschichte sicherlich kühn, schon rein optisch. Kritiker im Stadtteil wehren sich gegen eine Erhöhung um gut 20 Meter und den Umbau zur „Event-Location“ – auch wenn die Zusatz-Etagen dabei als noch so schöner Dachgarten daherkommen. Gerade die Erhöhung auf rund 58 Meter ist umstritten. Schon heute überragt der Bunker Nachbargebäude wie das Millerntor-Stadion, die Gnadenkirche und das Telekom-Gebäude. Die Traufhöhe der benachbarten Wohnhäuser beträgt nur 16 Meter. Das wird eine Diskrepanz, die man politisch wollen muss.

Jetzt hat sich auch der Denkmalschutz zu Wort gemeldet. Der Bunker sei „eine Waffe, ein Propagandabau. Seine massige stereometrische Form ist eine Aussage“, sagte Elinor Schües, Vorsitzende des Denkmalrats, auf einer Veranstaltung. Der Denkmalrat „lehnt die Begrünung und Aufstockung des Bunkers definitiv ab“: Dies „würde den Mahnmalcharakter des Denkmals nicht nur beeinträchtigen, sondern vollkommen unkenntlich machen“.

Eins steht fest: Mit Bauprüfungen und Machbarkeitsstudien allein wird der Bezirk der Bedeutung dieses Bunkers nicht gerecht. Auf die Politiker, die das Aufbau-Projekt genehmigen müssen, kommt einiges zu: eine Debatte über Form und Funktion, Ästhetik und Authentizität, über die Kunst des Erinnerns, über Dachbegrünungen und Prestigeobjekte. Aber ist gerade dieser Bunker nicht die Diskussion wert?

Die Autorin setzt sich in einer „AG Mahnmal“ für die Aufarbeitung der Bunker-Geschichte ein.