Medizin

Dem Krebs den tödlichen Stachel nehmen

Berlin. Die Vision der Mediziner verspricht Großes: Krebs wird eine beherrschbare Krankheit. Wie Bluthochdruck oder Diabetes. Eine chronische Krankheit, die mit Medikamenten in Schach gehalten wird. Diesen Ausblick gaben Mediziner auf dem 32. Deutschen Krebskongress in Berlin. Der Kongress geht heute zu Ende, rund 7000 Experten stellten Forschungsergebnisse vor, diskutierten neue Methoden und berieten über eine wirksamere Krebsprävention.

Die aktuellen Zahlen und ihre Fortschreibung scheinen den Hoffnungen zu widersprechen: 480.000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr neu an Krebs. Jeder Dritte ist irgendwann in seinem Leben betroffen. Die Zahlen werden weiter steigen, denn Krebs ist meist eine Krankheit des Alters und die Bevölkerung wird immer älter. Damit steigt das Risiko. Gut 220.000 Menschen erliegen jedes Jahr dem Krebs. Es ist damit die zweithäufigste Todesursache nach Herz-Kreislauf-Leiden.

Aber: Immer mehr Erkrankte werden geheilt oder gewinnen zumindest wertvolle Jahre. Bei den meisten Krebsformen steigt die Überlebensrate dank früherer Diagnosen und wirksamerer Therapien. Dieser Trend wird sich fortsetzen, sagen die Experten. Das Konzept, das große Hoffnungen weckt, ist die „personalisierte Medizin“. Dahinter steckt das Konzept, die Therapie maßzuschneidern auf den Patienten und seine Krebsform. Das ist ein Paradigmenwechsel. Jahrzehntelang ging man davon aus, dass beispielsweise Darmkrebs mit einer konkreten Kombination aus Operation und Chemotherapie zu behandeln sei. Bei Brustkrebs war es eine andere Kombination.

„Das genetische Profil eines jeden Tumors ist einzigartig“

Heute weiß man, dass sich Tumoren in zig Ausprägungen entwickeln. Das haben die modernen Methoden der Molekularbiologie enthüllt. Die Forscher sprechen von unterschiedlichen „Mutationsmustern“ und „Signalwegen“. Krebszellen können Schäden (Mutationen) an mehreren Stellen im Genom zugleich aufweisen. Die internen Abläufe sind also mehrfach gestört und die Kommunikation (Signalwege) führt auf unterschiedliche Weise dazu, dass sich die Zelle unkontrolliert vermehrt. Das Wissen darüber hat zugenommen. „Die Molekularbiologie hat unser Weltbild verändert“, sagte Professor Wolff Schmiegel, der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG). Und Kongresspräsidentin Professor Angelika Eggert, Chefärztin der Kinderklinik des Berliner Universitätsklinikums Charité, ergänzt: „Das genetische Profil eines jeden Tumors ist einzigartig und kann wertvolle Hinweise bei der Auswahl der richtigen Therapie liefern.“

Mit den molekularbiologischen Techniken erwachsen auch neue Medikamente. Da, wo Signalstoffe fehl am Platz sind, können sie von hemmenden Stoffen (Inhibitoren) lahmgelegt werden. Und wo Mutationen im Erbgut Schaden anrichten, können Wirkstoffe das Ablesen des fehlgeleiteten Erbguts blockieren. Erste Beispiele dafür gebe es schon, sagte Schmiegel, der am Knappschaftskrankenhaus Bochum arbeitet. Etwa bei bestimmten Formen von Lungenkrebs, bei denen man entgleiste Gene stilllegt. „Für die Patienten, die vorher nur eine Überlebensprognose von wenigen Wochen hatten, bedeutet das einen mittleren Lebenszeitgewinn von drei Jahren.“ Dieses Beispiel der Lebensverlängerung deutet die Richtung an: Immer besser wirkende Medikamente machen den Krebs irgendwann zur Krankheit, mit der man ein hohes Alter erreichen kann. Die Mediziner hoffen nicht nur, die Therapie auf jede Krebsart und jeden Patienten maßzuschneidern, sondern auch nur die Krebszellen zu treffen und gesunde Zellen zu schonen. Das würde die Nebenwirkungen minimieren.

Ein extremes Beispiel dafür, was molekulare Analysen bewirken können, nannte Professor Matthias Fischer vom Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln. Es betrifft Neuroblastome, Tumoren des Nervensystems, die meist Säuglinge treffen. Davon gibt es eine aggressive Form und eine Form, die von selbst ausheilt. Die Kölner Wissenschaftler haben zwei spezielle Genveränderungen in den Krebszellen entdeckt, die die aggressive Form verursachen. „Zukünftig kann ihr Nachweis frühzeitig Hochrisikopatienten identifizieren. Das könnte dazu beitragen, dass diese schneller die richtige Therapie erhalten.“ Die Patienten mit der harmlosen Variante hingegen müsste man gar nicht behandeln, ihre Form heilt ja von selbst aus.

Die personalisierte, präzise Krebsmedizin könnte aber – im Wortsinne – einen hohen Preis haben. Molekularbiologische Tests sind kostspielig, ebenso die speziellen Medikamente, die nur einem kleinen Patientenkreis nützen und deren Entwicklungskosten bei diesen wenigen Kranken eingespielt werden müssten. Ob das Gesundheitssystem das leisten kann, ist unklar. Ein Teil der Mediziner stellt die Gegenfrage, wofür die Gesellschaft Geld ausgeben will, wenn nicht für das Überleben ihrer Mitglieder. DKG-Präsident Schmiegel argumentiert: „Wir müssen eine Trennung finden: Teure Therapien nur für Patienten, die einen klaren Nutzen davon haben. So verhindern wir jedoch gleichzeitig Behandlungen, die nicht helfen, aber Nebenwirkungen haben und kostbare Behandlungszeit verstreichen lassen.“

Der teuren personalisierten Medizin könnte indes eine Konkurrenz erwachsen. Denn klar ist, dass sich das Immunsystem gegen Krebszellen wehren kann, wenn man es dabei unterstützt. Solche Immuntherapien zielen darauf ab, die Tarnkappen der Krebszellen zu stören. Diese besitzen auf ihrer Oberfläche Moleküle, die den im Blut patrouillierenden Abwehrzellen die falsche Information „Hier ist alles in Ordnung“ geben. Ein Teil dieser „Lügenmoleküle“ ist bekannt, die Immuntherapie soll sie blockieren. „Dadurch wird die Abwehrzelle wieder aktiv und kann den Krebs bekämpfen“, erklärte kürzlich Carsten Bokemeyer, Leiter der Klinik für Onkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, dieser Zeitung. DKG-Präsident Wolff Schmiegel sieht keine Konkurrenz zwischen Immuntherapie und personalisierter Krebsmedizin, sondern ein Nebeneinander. Beide Konzepte hätten ihre eigenen Anwendungsfelder. Noch ist die personalisierte, präzise Krebstherapie eine Hoffnung, stellte Kongresspräsidentin Eggert klar. Die ersten Therapien seien zwar da. „Aber der Beweis für ihre Wirksamkeit ist noch nicht erbracht, ihn müssen erst noch weitere Studien erbringen.“

Bewegungstherapien können Nebenwirkungen verringern

Vorbeugung ist auf jeden Fall der effektivste Krebsschutz. „Der Lebensstil ist für etwa 30 Prozent der Krebserkrankungen in Deutschland verantwortlich“, sagte Professor Olaf Ortmann von der Uniklinik Regensburg und im Vorstand der DKG. Ganz weit oben steht demnach das Rauchen, aber auch ein starker Alkoholkonsum, zu viel Sonnenlicht vor allem in jungen Jahren, Bewegungsmangel und Übergewicht fördern Krebs. Etwas anders sieht es bei der Art der Ernährung aus: „Da gibt es keine gute Studienlage, sondern ein ziemliches Durcheinander“, so der Mediziner. Demnach spielt es für das Krebsrisiko keine große Rolle, was genau man isst.

Auch wer schon Krebs hat, kann etwas tun. Patienten können einerseits mit begleitenden Bewegungstherapien die Nebenwirkungen ihrer Behandlung verringern. Sie leiden auch seltener unter Ängsten und Depressionen, sagte Freerk Baumann, Sporttherapeut und Reha-Experte von der Deutschen Sporthochschule Köln. Baumann propagiert aber auch die „Prähabilitation“. „Hinter der Wortschöpfung steht die Idee, dass eine gute körperliche und psychische Konstitution schon vor der Chemo- oder Strahlentherapie den Patienten ‚auftrainiert‘ und Nebenwirkungen und Komplikationen verhindert.“

Als Beispiel nennt er ein Bewegungstraining gegen Polyneuropathie, eine verbreitete Nervenstörung in den Ex­tremitäten als Folge der Chemotherapie. Ein anderes Beispiel betrifft die Operation des Prostatakrebses: Wer vier Wochen vor der OP mit einem Training des Blasenschließmuskels beginne, habe ein weit geringeres Risiko, hinterher an einer Inkontinenz zu leiden. In der Kölner Uniklinik wird die „onkologische Trainings- und Bewegungstherapie“ schon bei einer Reihe von Krebserkrankungen praktiziert. Jetzt müssten die Erkenntnisse flächendeckend umgesetzt werden.

Was vergleichsweise leicht gelingen könnte, denn Bewegungstherapien sind prinzipiell gut etabliert. Anders als die neuen, noch experimentellen Methoden der personalisierten Tumormedizin. Heute noch tödliche Krebsleiden in eine Krankheit zu verwandeln, mit der man alt werden kann, ist doch eher eine Aufgabe für Jahrzehnte.