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Schwestern im Patriarchat

Das türkisch-französische Drama „Mustang“ gilt als Mitfavorit auf den Auslands-Oscar

Als Favorit in der Kategorie „Bester nicht englischsprachiger Film“ bei den Oscars am Sonntag gilt zwar „Son Of Saul“. Aber „Mustang“, heißt es, sei der Film, der dem ungarischen Konzentrationslager-Drama noch den Rang ablaufen könnte. Als Vorteil könnte sich erweisen, dass es sich bei „Mustang“ um ein „globalisiertes“ Projekt handelt: ein türkischsprachiger Film, der in der Türkei spielt und gedreht wurde, von einer in der Türkei geborenen Regisseurin (Deniz Gamze Ergüven), aber von Frankreich für den Oscar eingereicht. Der Film erzählt von der Unterdrückung der Mädchen in der heutigen Türkei und passt damit wohl kaum in die gewünschte Selbstdarstellung von Staatspräsident Erdogan. Zum anderen scheint er ganz auf den Geschmack des „westlichen“ Publikums zugeschnitten zu sein.

Sichtbar ist das von den ersten Bildern an, die eine Gruppe von Mädchen in Schuluniform zeigen, die wie als Erkennungszeichen alle taillenlange offene Haare tragen. Abrupt geschnitten, entsteht daraus die Stimmung eines ausgelassenen letzten Schultags vor den Ferien. Die Mädchen ziehen mit einigen Jungen an den Strand und spielen im Wasser, in voller Bekleidung, fröhlich und ausgelassen. Doch zu Hause hält ihnen die Großmutter eine Standpauke über ihr schamloses Verhalten. Die fünf sind Schwestern und Waisen. Die Großmutter und ein Onkel haben die Fürsorge übernommen. Nun besteht Letzterer darauf, die Älteren auf ihre Jungfräulichkeit hin untersuchen zu lassen.

Tanten bringen ihnen Kochen, Backen und andere Ehefrauenfertigkeiten bei

Eine Erzählerstimme, die man erst mit der Zeit der jüngsten der Schwestern, Lale (Günes Sensoy), zuordnen kann, hatte es schon ausgesprochen: Dass manchmal ein Moment ausreicht, und Glück verkehrt sich in Unglück. Zwar wird ihnen das Ausgehen untersagt und werden ihre Handys konfisziert, aber mit der kleinen Brigade an Tanten, die ihnen Kochen, Backen und andere Ehefrauenfertigkeiten beibringt, gibt es auch heitere Momente. Zwischendurch gelingt ihnen ein triumphaler Ausbruch zu einem Fußballspiel. Dann wird für jedes Mädchen eine Hochzeit arrangiert.

Die in der Türkei geborene, in Frankreich aufgewachsene Regisseurin, setzt ihre lose Geschichte aus impressionistischen Szenen zusammen. Immer wieder feiern die Bilder das unbeschwerte Zusammensein der Mädchen, indem sie die fünf in Unterwäsche auf Betten liegend und sich rekelnd zeigen. Hier eine schwierige Gratwanderung der Regisseurin: Einerseits bildet sie die natürliche Sinnlichkeit und das unbefangene körperliche Selbstbewusstsein der Mädchen ab, als stimmungsvolle Rebellion gegen die patriarchale Verbotsgesellschaft. Andererseits beschwören ihre Bilder manchmal fast den Softporno-Charakter eines David Hamilton.

Einige Aspekte der Handlung wirken allzu plakativ. Der sozio-ökonomische als auch der religiöse Hintergrund von Dorf und Familie bleiben ausgeblendet. So spezifisch die Lokalitäten an der türkischen Schwarzmeerküste sind, so absichtlich undeutlich erscheinen die Verweise auf den Islam und seine Vorschriften für Frauen. Diese Unbestimmtheit erleichtert dem Film vielleicht den Zugang zum internationalen Kino – und zu den Oscars –, aber seinem Thema über das Leben von Mädchen in der Türkei 2015 wird er so kaum gerecht.

„Mustang“ F, TK, D 2015, 97 Min., ab 12 J.,
R: Deniz Gamze Ergüven, D: Nihal Koldas, Ayberk Pekcander, Ilayda Akdogan, täglich im Abaton, Blaneneser, Zeise; http://mustang.weltkino.de