Hamburger Aktivistin in Haft

Femen-Frauen protestieren barbusig vor Angela Merkel

Mit der Aktion bei einem Fest deutscher Filmproduzenten wollten die Frauenrechtlerinnen für ihre Mitstreiterin Josephine W. kämpfen. Die Hamburger Studentin sitzt in einem tunesischen Gefängnis.

Berlin/Tunis/Brüssel. Mit einer Oben-ohne-Attacke haben Mitglieder der Frauenrechtsgruppe Femen einen Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin gestört. Mit dem Ruf „Free Femen“ („Befreit Femen“) protestierten sie am Donnerstagabend bei einem Fest der Allianz Deutscher Produzenten gegen die Inhaftierung mehrerer Mitstreiterinnen in Tunesien.

Als die Kanzlerin eintraf, rissen sich vier Frauen die T-Shirts von ihren bemalten Oberkörpern und skandierten Protestrufe. Leibwächter drängten die Frauen ab, Merkel hielt danach wie geplant ihre Rede. Die Hamburger Studentin Josephine W. und zwei Französinnen waren am Mittwoch in Tunis zu vier Monaten Haft verurteilt worden.

Merkel hatte bereits in der Vergangenheit mit Protestaktionen der Femen-Frauen zu tun. Im April stürmten fünf entblößte Frauen auf Merkel und den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu, als diese gemeinsam die Messe in Hannover besuchten. Merkel verwies damals auf die Demonstrationsfreiheit, kritisierte aber die Protestform: „Ob man in Deutschland zu einer solchen Notmaßnahme greifen muss und nicht anderweitig auch seine Meinung sagen kann, da habe ich meine Zweifel.“

Die Gäste des Sommerfestes in Berlin nahmen den Protest gelassen. „Ich finde das interessant“, sagte etwa die Schauspielerin Christine Neubauer. Sie habe aber nicht lesen können, was die Aktivistinnen auf ihre Körper geschrieben hatten. „Da waren die Herren schon dazwischen gesprungen.“ Ob die Demonstrantinnen von der Polizei festgenommen wurden, war zunächst unklar.

EU „überrascht“ über hartes Urteil

Derweil zeigt sich die Europäische Union „überrascht von der Schwere des Urteils“ gegen die drei Femen-Aktivistinnen in Tunesien. Dies sagte der Sprecher der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton, Michael Mann, am Donnerstag in Brüssel. Unabhängig von dem Gerichtsurteil erinnere die EU an ihre wiederholten Aufforderungen, „die Meinungsfreiheit entsprechend den Hoffnungen der tunesischen Revolution zu festigen“.

Die Deutsche Botschaft in Tunis zeigte sich am Donnerstag „besorgt über die Schwere des Urteils“. Die diplomatische Vertretung setzt darauf, dass ein mögliches Berufungsverfahren zu einer milderen Entscheidung führen könnte.

Philosophie-Studentin Josephine W. hatte wie auch die beiden inhaftierten Französinnen vor dem Justizpalast der Hauptstadt mit nacktem Oberkörper lautstark gegen die Inhaftierung einer tunesischen Aktivistin demonstriert. Dies wurde vom Gericht als „unsittliches Verhalten“ gewertet. Mann sagte dazu, zur Stärkung der Meinungsfreiheit müssten nach Ansicht der EU „die von früheren Regierungen geerbten Gesetze geändert werden, die dazu benutzt werden könnten, diese Freiheit einzuschränken“.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.