Fotofahndung der Polizei Hamburg

Mädchen in der Bahn missbraucht: Täter noch flüchtig

Foto: Polizei Hamburg

Ein älterer Mann missbrauchte ein Mädchen in der U-Bahn der Linie 2. Täter ist 60- bis 65-Jahre alt. Bemerkten die Fahrgäste nichts?

Hamburg. Die Tat ereignete sich um kurz nach 18 Uhr, mitten im Berufsverkehr. Und niemand scheint etwas bemerkt zu haben. Ein Mädchen, gerade erst zwölf Jahre alt, wurde in einer U-Bahn sexuell missbraucht, auf einer der meistbefahrenen Strecken Hamburgs. Vier Stationen hatte der Täter Zeit, sein Opfer zu bedrängen und schließlich zu missbrauchen. Die Tat geschah bereits Anfang Juni. Doch der Täter ist noch immer nicht gefasst.

Die Ermittler des für Sexualdelikte zuständigen Landeskriminalamts 42 haben die Aufzeichnungen aus den Überwachungskameras der Hochbahn ausgewertet. Sie zeigen einen älteren und korpulenten Mann mit weißem Haarkranz und Schnauzbart. Die Polizei schätzt sein Alter auf 60 bis 65 Jahre. Er könnte der Großvater des Opfers sein, und vermutlich hielten ihn viele auch dafür.

Am Donnerstag, 9. Juni, um kurz nach 18 Uhr hatten die Zwölfjährige und der Täter jeweils am U-Bahnhof Osterstraße gewartet und waren dann in einen Zug der Linie U 2 in Richtung Niendorf Nord eingestiegen, sagt Polizeisprecherin Karina Sadowsky. Wie auf den Bildern zu sehen ist, suchte der Mann die Nähe des Mädchens, setzte sich vis-à-vis auf eine Bank. Auf Türkisch verwickelte er das Kind in ein Gespräch, brachte es dazu, den Platz zu wechseln und sich neben ihn zu setzen.

Worüber sie redeten, ist nicht bekannt, doch die Kameras zeichneten jede Sekunde des Missbrauchs auf. "Während des Gesprächs nahm der Mann sexuelle Handlungen an dem Mädchen vor", sagt Sadowsky, näher geht sie nicht auf die Tat ein. Mehrere Minuten hatte der Mann die Zwölfjährige im Griff, bevor sie zusammen am Bahnhof Niendorf Markt die Bahn verließen. Das Mädchen ging nach Hause, der Täter nahm die nächste Bahn in Richtung Innenstadt. Dort verliert sich seine Spur.

Dass der Missbrauch anscheinend nicht bemerkt wurde, dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Mangelnde Zivilcourage spielt offenbar keine Rolle, denn dem Täter spielten mehrere Umstände in die Hände: In der zu dieser Zeit normalerweise voll besetzten Bahn - die U 2 ist die am zweithäufigsten genutzte Linie der Hochbahn - waren nur wenige Fahrgäste. Das Mädchen verdeckte zudem den Schoß mit einem Rucksack. Außerdem geht die Polizei davon aus, dass die anderen Passagiere kein Türkisch verstanden und somit auch nicht, worüber Täter und Opfer redeten. Die anderen Fahrgäste glaubten wohl, dass beide zusammengehörten.

Obwohl sich die Zwölfjährige kurz nach dem Missbrauch ihrer Mutter offenbarte und die Eltern sofort die Polizei alarmierten, konnte der Täter bislang nicht ermittelt werden. Erst nachdem alle anderen Fahndungsmaßnahmen ausgeschöpft waren, genehmigte ein Richter gestern die Öffentlichkeitsfahndung. Angesichts der guten Qualität der Fotos hofft die Polizei auf einen schnellen Ermittlungserfolg.

Trotz des aktuellen Falls raten Kinderpsychologen Eltern, nicht in Panik zu verfallen: "Wichtig ist, dass sie ihren Kindern keine Angst einjagen und die Welt nicht als bedrohlich darstellen", sagt Diplom-Psychologin Dorit Paetzhold vom Kinderschutzzentrum Hamburg. Die Schwierigkeit bestehe darin, eine "Balance zwischen einem wachsamen und einem ängstlichen Blick auf die Welt zu finden". Für Kinder sei es nicht immer einfach, Situationen mit fremden Erwachsenen richtig einzuschätzen. "Ein anfangs harmloses Gespräch kann eine merkwürdige Wendung bekommen, und das Kind hat plötzlich ein mulmiges Gefühl", sagt die Expertin. "Wenn sich Kinder beispielsweise in der U-Bahn von einem Mann bedrängt fühlen, sollten sie sich an andere Erwachsene wenden und um Hilfe bitten." Kindern sollte vermittelt werden, dass sie durch einen Hilferuf auf sich aufmerksam machen können, wenn sie sich in einer sehr beängstigenden Situation befinden und sie plötzlich jemand anfasst.

"Eltern sollten ihnen durchaus auch erklären, dass es Erwachsene gibt, die Dinge tun, die Kinder nicht wollen und die auch nicht richtig sind." Auf konkrete Beispiele, die die Kleinen ängstigen, sollte jedoch verzichtet werden. Besser sei, Kinder zu bestärken, auf ihr Gefühl zu hören und mit ihnen über Grenzen zu reden. "Ihnen sollte bewusst gemacht werden, dass sie nichts tun oder sagen müssen, was ihnen unangenehm ist." Dazu zähle zum Beispiel auch, dass sie fremden Erwachsenen nicht ihren Namen verraten müssen.

Die Polizei hofft nun, dass die Zwölfjährige das traumatische Erlebnis bewältigen und ein normales Leben führen kann. In psychologischer Betreuung ist sie nicht, die Ferien verbrachte sie außerhalb Hamburgs.

Die Ermittler fragen: Wer kennt den Täter oder hat die Tat beobachtet? Hinweise bitte an die Polizei: Telefon 428 65 67 89.