Die Stadtteilserie

Billstedt

| Lesedauer: 7 Minuten
Katharina Gessler

Drei Dörfer und eine Hasensiedlung: Hier ist vieles anders - als man denkt.

Es gibt viele, die platzen gleich damit raus, wo sie wohnen: Von Ottensen schwärmen sie dann oder von Eppendorf. Ganz anders Billstedter. Die weichen aus. Oder differenzieren und sprechen lieber von Schiffbek, Öjendorf, Kirchsteinbek oder auch Mümmelmannsberg. Geht es aber doch um Billstedt, sagen sie zu Anfang immer dasselbe: "Hier gibt es auch viele schöne Ecken." Was stimmt. Tatsächlich schätzten wohlhabende Hamburger den Stadtteil mit seinen herrschaftlichen Häusern früher als Blankenese des Ostens. Was sich heute noch mit Sicherheit sagen lässt: Billstedt ist besser als sein Ruf!

Der ist nachhaltig geprägt durch Klischees vom sozialen Brennpunkt, hohen Ausländeranteil, von hoher Arbeitslosigkeit, hoher Kriminalität und hohen Häusern. Dabei gibt es vieles, was diesen Stadtteil im Osten Hamburgs auszeichnet, nicht nur reichlich Grün und vier Gewässer. Auch die Tatsache, dass 53 Prozent der Wohngebäude Einzelhäuser sind, in etwa so viele wie in Blankenese. Die Anbindung an die Innenstadt durch den ÖPNV ist hervorragend, und zur A 1 oder A 24 sind es nur ein paar Autominuten. Es gibt Villen mit Türmchen und einen Rest alter Dorfstruktur in Kirchsteinbek oder auch Bauernhöfe und ein Reetdachhaus in Öjendorf. Es gibt viele engagierte Menschen, die sich nicht abfinden mit Vorurteilen und schlechtem Image. Und es gibt ein reges Vereinsleben, etwa den SC Vorwärts Wacker 04, dessen Fußballer es bis in die Oberliga Nord schafften oder die SpVgg Billstedt-Horn, für die Ex-Nationalspieler Piotr Trochowski als Knirps kickte, sowie den TV Gut Heil. Für den ging einst Hamburgs früherer Schwimmstar Sandra Völker ins Wasser.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

+++ Die Stadtteil-Patin: Katharina Geßler +++

Aus drei mach eins

Bevor es Billstedt gab, waren da nur die drei selbstständigen, zum Kreis Stormarn gehörenden preußischen Dörfer Kirchsteinbek, Öjendorf und Schiffbek. Sie wurden 1928 zu Billstedt zusammengeschlossen, das seit 1937/38 zur Hansestadt gehört.

Kirchsteinbek war Mittelpunkt eines großen Kirchspiels. Am Steinbeker Berg und am Markt bei der Kirche ist der Kern des Dorfes milieugeschützt.

Auch in Öjendorf, dem kleinsten der drei Dörfer, gibt es noch Spuren des alten Ortsbildes, etwa am Reinskamp, am Mattkamp oder an der Merkenstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand am Schleemer Bach der Hauptfriedhof Öjendorf, der zweitgrößte Hamburgs.

In Schiffbek änderte sich mit einsetzender Industrialisierung alles. Die Jutespinnerei, gegründet 1881, lockte katholische Arbeiter aus Polen und Böhmen an. Die katholische Gemeinde St. Paulus samt Schule und Kita gehört heute zu den größten der Stadt. Während des Aufstands der Kommunistischen Partei am 23. Oktober 1923 entwickelte sich das ehemalige Dorf zu dessen Zentrum. Heute bildet Schiffbek den Kern Billstedts mit Bezirkskundenzentrum, Fußgängerzone und dem Einkaufszentrum Billstedt, das an U-Bahn und Busbahnhof angeschlossen ist und Magnetwirkung über die Stadtteilgrenze hinaus hat. Ganz in der Nähe, an der Billstedter Hauptstraße, gibt es seit Ende 2011 das Sozialkaufhaus, in dem der Umsonstladen Kostnix, einer der ersten Hamburgs, eine Kleiderkammer und das Kinder-Secondhand-Geschäft Kuschel untergebracht sind.

Es geht auch anders

Die Zahl der Bedürftigen und Arbeitslosen ist groß in Billstedt. Aber auch die Zahl der Menschen, die sich engagieren und helfen. So haben beispielsweise die Gemeinde der evangelischen Jubilate-Kirche und die Freiwilligenbörse Hamburg das Job-Café im Mehrgenerationenhaus an der Merkenstraße gegründet, unterstützt auch von der örtlichen Wirtschaft.

Die größten Unternehmen des Stadtteils sind die Otto Wulff Bauunternehmung, ein traditionsreicher Familienbetrieb an der Archenholzstraße, der seit 1932 besteht, und die Adolf Neubauer Mühlenwerke, An der Glinder Au, seit 1735 im Familienbesitz. Seit 1937 wird hier Glimmer verarbeitet, der als Füllstoff in der Kosmetik, bei Baumaterialien, Farben und Kunststoffen dient.


Klotzen statt kleckern

Wenn es darum geht, sich zu engagieren, lassen sich viele in Billstedt nicht lange bitten. Da geht es dann nicht um ein Klein-Klein, sondern bevorzugt um den großen Wurf. Beste Beispiele sind die jährlichen Kunst- und Kulturtage in Mümmelmannsberg oder der Kulturpalast, seit 1993 im alten Wasserwerk am Öjendorfer Weg. Herz, Kopf und Motor des Palastes ist Dörte Inselmann, seit mehr als 30 Jahren eingefleischte Billstedterin, und unermüdlich, wenn es um Ideen und Aktionen geht. Bei ihr laufen die Fäden zusammen: Egal ob es um die Hip-Hop Academy geht, die nicht nur bereits bei Kanzlerin Angela Merkel, sondern auch international Beachtung gefunden hat, oder die Klangstrolche, die inzwischen an 60 Standorten in der ganzen Stadt Kinder für Musik begeistern: Dörte Inselmann mischt mit. Denn ihr Ziel ist ambitioniert: "Die Billstedter sollen sich mit ihrem Stadtteil identifizieren." So bunt, so kantig, problematisch und gegensätzlich er auch ist.

Was so oder ähnlich auch auf Mümmelmannsberg zutrifft. Zwischen 1970 und 1979 entstand diese Großraumsiedlung an der Grenze zu Havighorst gleich neben der B 5. Vorher hatten sich da allenfalls Fuchs und Hase Gute Nacht gesagt. Da lag es nahe, sich zwecks Namensgebung bei Hermann Löns (1866-1914) zu bedienen. Aus seiner Feder stammt eine Erzählung mit dem Titel Mümmelmann. Im Slang der knapp 18 500 Bewohner ist daraus schnell "M-Town", "Mümmel" oder "Bunny Hill" geworden.

Unübersehbar ist das Bildungszentrum, u. a. Sitz der großen Ganztagsstadtteilschule an der Straße Mümmelmannsberg. Schulklassen aus ganz Hamburg kommen hierher, denn das Zentrum beherbergt neben dem Lehrerprüfungsamt auch das Naturwissenschaftliche Zentrum des Instituts für Lehrerfortbildung: Netzwerk des Wissens, das die gesamte Stadt umspannt.

Fest der Kulturen

Ein anderes Aushängeschild Billstedts ist der 140 Hektar große Öjendorfer Park. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die riesige Grube, die hier früher war, teilweise mit Schutt und Trümmern aus den zerstörten Stadtteilen Hamm und Horn aufgefüllt. Der riesige See in der Mitte ist etwa zweimal so groß wie die Binnenalster und hat zwei Badestellen sowie im nördlichen Gebiet eine bewaldete Insel samt Vogelschutzzone. Hier, in diesem weitläufigen grünen Paradies, zeigt sich Billstedt von seiner besten Seite. An schönen Tagen geht es hier schon mal zu wie auf einem Fest der Kulturen: mit Köstlichkeiten aus aller Herren Länder, Musik und jeder Menge Spaß. Ganz ohne Eventmanager, einfach so. Notwendig ist allenfalls ein bisschen Sonne. Den Rest besorgen die Billstedter ganz alleine.

In der nächsten Folge am 28.3.: Jenfeld

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