Meinung
Leitartikel

Eine Schande: Polizist prügelt auf St.-Pauli-Fan ein

| Lesedauer: 3 Minuten
Berndt Röttger
Berndt Röttger ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Berndt Röttger ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Ein Video zeigt, wie ein Bundespolizist auf einen am Boden liegenden St.-Pauli-Anhänger einschlägt. Jetzt muss Aufklärung erfolgen.

Hamburg. Die Bilder, die es am Freitagabend am Rande des Stadtderbys zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger Sportverein zu sehen gab, sind erschütternd, verstörend und skandalös. So etwas möchte man in Deutschland nie wieder sehen. Und damit meine ich nicht die sportliche Leistung des HSV.

Das Handyvideo, das vor dem Spiel am Millerntor auf Twitter veröffentlicht wurde, zeigt einen Polizisten, der auf einen bereits am Boden liegenden, fixierten Fan brutal einprügelt. Mit kräftigen Schlägen sowohl in die Nieren als auch auf den Kopf.

Polizei muss bei Ausschreitungen eingreifen

Ja, die Mitglieder der umstrittenen Gruppe „Rotsport“ sind Problem-Fans des FC St. Pauli. Es sind gewaltbereite Hooligans, die polizeibekannt sind, die provozieren und die im Zweifel auch wegen entsprechender Gewaltdelikte bereits vorbestraft sind. Andere Videos vom Stadion am Millerntor zeigen auch diese hässliche Seite des Abends. Natürlich muss die Polizei da eingreifen und natürlich muss und soll sie – im Zweifel auch mit der ihr in diesem Fall zustehenden Gewalt – die Hooligans stoppen und festnehmen.

Aber: Niemals darf so eine Gewalt gegen einen wehrlos am Boden liegenden Menschen ausgeübt werden. Solche Bilder erinnern an die fürchterlichen Szenen rassistischer Polizeigewalt gegen den dabei getöteten George Floyd in den USA oder Putins brutalen Prügeltrupps in Russland. Ein Polizist, der derart auf einen bereits überwältigten Menschen – ganz gleich, ob sich dieser zuvor als Täter selbst strafbar gemacht hat – einprügelt, ist eine Schande für die Polizei im Speziellen und unseren Rechtsstaat im Allgemeinen. Er macht sich selbst zum Kriminellen und ist der Uniform nicht würdig.

„Diese Videos sehen nie schön aus"

Unerträglich distanzlos und unreflektiert ist leider auch die Erklärung der Hamburger Polizeisprecherin, die lapidar verkündete: „Diese Videos sehen nie schön aus. Aber das macht kein Kollege aus Spaß.“ Ich hoffe, es gibt nicht noch mehr solcher Videos aus Hamburg.

Schade, dass Hamburgs Innensenator als politisch verantwortlicher für die Polizei und die Polizeieinsätze in der Hansestadt es nicht für nötig befindet, zu den Vorfällen Stellung zu beziehen. Auch – oder vielleicht gerade – weil er derzeit mit den Nachbeben der St.-Pauli-VIP-Karten-Affäre erneut im Fokus steht, wäre es ein wichtiges Signal gewesen, hier klar Stellung zu beziehen. Gerade in einer Stadt, die mit dem Hamburger Kessel 1986 (Demonstranten wurden 13 Stunden lang rechtswidrig innerhalb einer Polizeikette festgehalten) oder der Polizeigewalt mit rassistischem Hintergrund in den 90er-Jahren auf sehr dunkle Kapitel Polizeigeschichte zurückblickt.

Eine restlose Aufklärung muss jetzt folgen

Was jetzt folgen muss, ist eine restlose Aufklärung des Falls – mit entsprechenden Konsequenzen. Sollte sich der ungezügelte Gewaltexzess, wie er sich in dem Video darstellt, bestätigen, darf der Beamte der Bundespolizei nicht länger im Dienst bleiben. Eine Anzeige gegen den Bundespolizisten ist noch am Wochenende bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. Der Ball liegt jetzt bei der Hamburger Staatsanwaltschaft und dem Dezernat Interne Ermittlungen (DIE) der Hamburger Innenbehörde.

Dennoch: Bei aller Kritik am – wahrscheinlich – absolut unverhältnismäßigen Polizeieinsatz: Auch der FC St. Pauli ist gefordert. Denn die „Rotsport“-Hooligans auf den Videos sind keine friedliebenden Fußballfans, sondern Schläger, die andere in Gefahr bringen. Auf dieses Problem muss der Fußballverein eine klare Antwort finden.

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