Meinung
Hamburger Kritiken

Zeit, den Menschen reinen Wein einzuschenken

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Stellvertretender Chefredakteur Matthias Iken.

Stellvertretender Chefredakteur Matthias Iken.

Foto: Andreas Laible

Kein Tempolimit. keine Laufzeitverlängerung, kein Fracking – die Krise ist in vielen Köpfen nicht angekommen.

Angestellte kennen das – regelmäßig heckt der Chef einen Umzug aus, damit die Berge von angesammelten Ausrissen, Büchern und Fundstücken in den Büros einmal gründlich abgetragen und der Altpapierverwertung oder der Müllverbrennungsanlage überantwortet werden. Bei dieser gefühlt 20. Neuauflage der Aktion „Unser Büro soll schöner werden“ fiel mir die Broschüre „Fracking – 10 Fragen, 10 Antworten“ aus einem Stapel entgegen. Herausgebracht hatte die Info-Schrift die frühere Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Herlind Gundelach im Jahr 2016. Sie war damals Abweichlerin in einer Union, die auf dem Weg in den ersehnten schwarz-grünen Hafen samt und sonders von Bord warf, was früher christdemokratische Programmatik hieß. Bevor es sonst vergessen wird: Die energiepolitische Irrfahrt begann unter Angela Merkel.

Die energiepolitische Irrfahrt begann unter Angela Merkel

Die kleine Broschüre jedenfalls ist offenbar mit dem Ziel verfasst worden, den Deutschen die große Angst vor brennenden Wasserhähnen wie verseuchtem Trinkwasser zu nehmen und die Diskussion zu versachlichen. Das hat jetzt nicht so richtig gut geklappt. Denn während die Bundesregierung eifrig Flüssiggas-Terminals aus dem Boden stampft, Ölkraftwerksschiffe vor der Küste ankern lässt und in vielen Staaten um Fracking-Gas bettelt, wird hierzulande über eine Förderung von Schiefergas nicht einmal ernsthaft diskutiert. Dabei wurde diese Technik seit 1961 hierzulande angewendet.

Wie heißt es so schön in der Informationsschrift: „Derzeit fördert Deutschland rund zehn Prozent seines Erdgasbedarfs selbst – vor wenigen Jahren waren es noch rund 20 Prozent. Durch die Nutzung unserer heimischen Vorräte können wir die Abhängigkeit von ausländischen Gasversorgern verringern.“ Wir können alles – außer Fracking. Bei aller berechtigten Kritik an dem Verfahren – wie kann Fracking-Gas aus Holland Rettung sein und deutsches Fracking-Gas zugleich Verderben?

Die Deutschen haben noch immer nicht aus ihrem Wohlfühlmodus herausgefunden

Die Antwort könnte lauten: Die Deutschen haben noch immer nicht aus ihrem Wohlfühlmodus herausgefunden und offenbar den Ernst der Lage nicht begriffen. Die Wohnungsbaugesellschaft Saga plant bereits Wärmestuben für den Notfall, die Stahlwerke legen Teile der Anlage im Hamburger Hafen still. Und was macht die Politik? Immer deutlicher wird, dass die mit hohen Erwartungen gestartete Ampel nicht „mehr Fortschritt“ wagt, sondern in der Krise zu wenig wagt und noch weniger bewegt.

Gerade die Liberalen und die Grünen lähmen sich gegenseitig. Anders ist nicht zu erklären, warum beispielsweise noch immer kein Tempolimit auf deutschen Autobahnen gilt. Einfacher und schneller lässt sich kaum Energie sparen. Aber offenbar ist das der FDP nicht vermittelbar.

Und wie kann man sich der überschaubaren Verlängerung der Laufzeiten von drei – vielleicht sogar sechs – Kernkraftwerken verweigern? Keiner will neue Meiler bauen, aber keiner mit Verstand wird eine Gesamtleistung von 4055 MW ausgerechnet im dunklen Winter abschalten. Oder wollen wir zum Ersatz lieber das Gas verbrennen, das wir nicht haben? Aber offenbar ist ein verzögerter Ausstieg den Grünen nicht vermittelbar.

Und das Thema Fracking?

Und das Thema Fracking? Da haben sich Sozialdemokraten und Grüne untergehakt – in Nordrhein-Westfalen kämpften die Sozialdemokraten im Wahlkampf gegen jede Möglichkeit der Gasgewinnung. In Niedersachsen ist Fracking für SPD-Energieminister Olaf Lies gleich „unvorstellbar“. Inmitten einer Energiekrise hätte man von einer Arbeiterpartei ein paar mutigere Gedanken erwarten dürfen. Aber offenbar ist das der SPD nicht vermittelbar.

Wir bekommen nicht einmal hin, die gesetzlich vorgegebenen Mindesttemperaturen in Wohnungen auf niedrigere Werte abzusenken. Allen Ernstes erklärt die stellvertretende Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg nun: Wird die Temperatur von mindestens 20 Grad nicht erreicht, liege ein Mangel vor, und die Miete könne reduziert werden. „Grund und Ursache spielen keine Rolle“, erklärte die Fachfrau in einem Interview.

Da stellt sich die Frage, wie wir für den Winter gerüstet sind. Auch volle Gasspeicher helfen nicht weiter, wenn die Köpfe leer sind. Wir weigern uns, die Wirklichkeit zu erkennen, bis sie nicht mehr zu leugnen ist. Dabei ist jetzt Mut gefragt. Es wird höchste Zeit, den Menschen reinen Wein einzuschenken. Bald gibt es vielleicht ohnehin nur noch Wasser.

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