Meinung
Schumachers Woche

Was wir von den Schäfern des Balkans lernen können

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Hajo Schumacher
Hajo Schumacher.

Hajo Schumacher.

Foto: © Annette Hauschild / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher schreibt über die Kunst, aus wenig viel zu machen.

Hamburg. Mein schönstes Ferienerlebnis? Die Schäfer in den Bergen des Balkans. Plaudern, mit Wanderern Mokka trinken, in die Hänge zu den Herden gucken, wo die Hunde hüten. Es gibt Wölfe hier. Die Schäfer schlafen in Verschlägen unterm Dach aus Plastiktüten. Manchmal gewittert es heftig. Wasser liefert der Bach, Strom ein Solarpanel, falls das Handy mal Empfang hat. Laune? Prima.

Die Käseproduktion läuft; von den Balken in der Räucherhütte baumeln Dutzende Laibe. Die dürren Äste, kunstvoll arrangiert, halten das Feuer auf kleinster Flamme. Sparen ist nicht Verzicht, sondern Klugheit. Brennholz ist knapp, jeder Ast muss angeschleppt werden. Politik ist den Schäfern egal.

Schäfer sind auf sich allein gestellt

Sie sind auf sich allein gestellt. Und beweisen nebenbei unseren evolutionären Vorteil. Der Mensch ist ein zähes, kreatives Wesen, das sich anpassen kann. Bei Hitze hilft Schatten, gegen Kälte eine Decke. Klagen und Maulen hilft gegen gar nichts. Die Balkan-Schäfer bekommen keinen Holzkostenzuschuss.

In 100 Tagen ist November, mal wieder völlig überraschend. Verblüfft haben wir in den Jahren zuvor festgestellt, dass die nächste Covid-Welle rollt, sobald das Leben zurückkehrt in die Innenräume. Diesen Winter wird es wohl etwas kühler drinnen.

Schäfer würden nicht debattieren, sondern handeln

Die Schäfer würden nicht debattieren, sondern ihre Verschläge befestigen. Wo lässt sich problemlos was dämmen oder dichten? Zwei, drei Bretter mehr, Isolieren mit Stroh, Zweittüte aufs Dach. Und abhärten. Baden im Bergbach kann man als Menschenrechtsverletzung betrachten oder als Training für den Kreislauf. Was würden wir tun, wenn ein strenger Winter ansteht, aber weder Staat noch Politiker da wären, um sie anzumotzen? Wir würden das Smartphone beiseitelegen und die fürs Grollen verschwendete Energie in Kreativität investieren.

Seit 1991 ist die Wohnfläche pro Bürger um gut zwölf Quadratmeter gewachsen, ohne dass sich die Laune verbessert hätte. Zehn Prozent Energie lassen sich immer sparen, sagt Minister Habeck. Nur jetzt gerade nicht. Bis November ist ja noch lange hin.

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