Meinung
Schumachers Woche

Lust auf Streit? Machen Sie mal den Lauterbach-Test ...

Hajo Schumacher
Hajo Schumacher über Jamaika, Ampel und die Frage nach dem Charakter.

Hajo Schumacher über Jamaika, Ampel und die Frage nach dem Charakter.

Foto: © Annette Hauschild / OSTKREUZ - Agentur der Fotografen GmbH

Unsere deutsche Debattenkultur lässt sehr zu wünschen übrig. Wie schlecht ihr Umfeld debattiert, können Sie mit diesem Trick testen.

Hamburg. Die Dame radelte in Schlangenlinien, als ich sie elegant überholte. Wütendes Geklingel. Ich bremste. „Mindestabstand“, fauchte sie. „Ich hätte auf den Bürgersteig ausweichen müssen“, erklärte ich. „Dann überholen Sie nicht, Sie Trottel!“ Danke, reicht. Klingt ja wie mancher Leserbrief.

In einer Debatte sind wir alle einig: Es steht schlecht um Deutschlands Debattenkultur. Eine gute Debatte trennt: Fakten in die gelbe Tonne, Meinung in den Restmüll. Fakten lassen sich belegen, relativieren, entkräften. Meinungen sind Geschmackssache und unverhandelbar. Hilfreich ist eine Portion Respekt, die andere Seite erstens zu hören, zweitens verstehen zu wollen und drittens sogar gelten zu lassen. Ein Kraftakt fürs bequeme Hirn, das Eindeutiges bevorzugt. Pandemien oder Kriege verbreiten Schleier der Uneindeutigkeit. Was gestern galt, ist morgen falsch.

Schumachers Woche: Der Test zur Debattenkultur

Wer wissen will, wie es um die Debattenkultur in Familie, unter Kollegen oder Freunden bestellt ist, der versuche den Lauterbach-Test. In einem stillen Moment sagt man: „Und Lauterbach so?“ Sofort wird jemand „Idiot“ zischen oder „guter Mann“. Manche regen sich über die Stimme auf oder seine Lust am Dozieren – allesamt Geschmacksäußerungen. Womit das Gespräch Richtung Streit steuert.

Auf dem siebenstufigen Krawallschema des Briten Paul Graham rangieren Äußerlichkeiten (Stimme) weit unten, nur untertroffen von Beleidigungen (Trottel, Idiot). Oben stehen Argumente, möglichst logisch verknüpft, etwa: Lauterbach hat sein Ziel einer allgemeinen Impfpflicht verfehlt. Routinierte Eskalierer mischen nun virtuos: ein halber Fakt, etwas Geschmäcklerisches, eine Prise Beleidigung. Ende Debatte. Feuer frei für Zoff. In manchen Schulen wird Debattieren gelehrt. Bis sich die Regeln herumgesprochen haben, werden wir weiter aneinander vorbeipöbeln.

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