Meinung
Leitartikel

Neue U-Bahn und Stadtbahn? Zeitenwende im Verkehr

| Lesedauer: 3 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / Funke Foto Services

Nach jahrelanger Verschwendung von Energie erzwingt die neue Weltlage eine Kurskorrektur – Zeit für eine überparteiliche Einigung.

Hamburg. Die Zahlen lesen sich auf den ersten Blick schauerlich: Der Jahresfehlbetrag der Hochbahn wird in den kommenden Jahren so stark steigen wie noch nie und sich binnen fünf Jahren von 51 Millionen auf 313 Millionen Euro 2023 mehr als versechsfachen. Was dramatisch klingt, hat viel mit den dramatischen Zeitläuften zu tun: So hat Corona alle Planungen vom Tisch gewischt – die Menschen wurden ins Homeoffice geschickt, Touristen und Schaufensterbummler blieben zu Hause, viele Kunden kündigten ihre Jahreskarten.

Nun verheert die russische Invasion mit ihren ökonomischen Folgewirkungen die Bilanzen weiter, die steigenden Energiekosten wirken sich umgehend aus. Zudem schlägt kurzfristig negativ ins Kontor, dass die Hochbahn in die Zukunft investiert, viel Geld in Klimaschutz und den Hamburg-Takt steckt. Darunter wird der Kostendeckungsgrad des Nahverkehrsanbieters zwangsläufig leiden.

Zeitenwende gilt auch für Verkehrspolitik

Noch 2018 konnte die Hochbahn 92,2 Prozent ihrer Kosten selber tragen – ein Wert, den nur die wenigsten Anbieter in Deutschland erreichen. Bundesweit lag dieser Anteil im Schnitt bei rund 75 Prozent. Wenn die Hochbahn 2023 auf nur noch 66 Prozent rutschen sollte, dürften noch immer viele Kämmerer neidisch auf die Hansestadt blicken.

Und tatsächlich gibt es zu den Investitionen kaum eine Alternative. Denn die viel beschworene Zeitenwende, von der Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner denkwürdigen Bundestagsrede zum Ukraine-Krieg sprach, gilt auch für die Verkehrspolitik. War bislang nur wichtig, wie die CO2-Bilanz ausfiel, kommt nun ein weiterer Aspekt hinzu: die Energie­bilanz.

Hamburg verschwendete Energie und Geld

Die Umrüstung der noch immer meist dieselbetriebenen Busse auf alternative Antriebe wird noch wichtiger, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs auch: Denn ein mit durchschnittlich 1,4 Personen besetzter Pkw ist mit Abstand am wenigsten effizient – dann folgen Busse. Am besten schneiden hier U- und S-Bahnen ab. Zugleich gilt aber auch: Ein großer, aber fast unbesetzter Bus ist ein ineffizienter Energieverschwender – gerade in den Randbereichen der Stadt sind individualisierte Angebote in Zeiten der Digitalisierung oft die klügere Wahl.

Zugleich sollte die „Zeitenwende“ noch einmal grundsätzlich die Politik auf den Prüfstand stellen. Die Hansestadt Hamburg hat in den vergangenen 25 Jahren auf geradezu groteske Weise Ressourcen, Energie und Geld verschwendet: Zweimal wurden Stadtbahnsysteme konkret ersonnen und später wieder verworfen. In der Verkehrspolitik versuchte jede Partei, einen ganz eigenen Kurs zu fahren und sich vom Mitbewerber abzuheben. Das ist nicht nur mühsam, sondern verzögert wichtige Projekte und verteuert sie.

Es ist Zeit für einen Verkehrsfrieden

Wäre jetzt nicht die Zeit gekommen, in einem möglichst breiten Konsens für die kommenden Jahrzehnte nach dem Vorbild des Schulfriedens einen Verkehrsfrieden zu schließen – und ein für alle Mal auch die ewige Frage zu beantworten, ob neue U-Bahnen oder doch eher Stadtbahntrassen in die Zukunft führen? Das Maß aller Dinge muss fortan die Klima-, die Energie- und die Kostenbilanz sein. Gelingt dieser Verkehrsfrieden, sollte zugleich ein Beschleunigungsgesetz das Gemeinwohl auch gegen Einzelinteressen durchsetzen können.

Wir können uns die ewigen Verzögerungen nicht mehr leisten – weder finanziell noch politisch. Diese Kosten sind eingedenk der mageren Jahre, die uns möglicherweise bevorstehen, ein weiteres Argument. Die Hochbahn befürchtet bereits, dass die „Anzahl der Beschwerden, Anwohnerklagen und Rechtsstreitigkeiten“ im Zuge der U-5-Planung zunehmen werden. Auch das klingt angesichts der Zeitenwende ziemlich aus der Zeit gefallen.

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