Meinung
Gastbeitrag

Können wir die Inflation noch bändigen?

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Karl-Werner Hansmann
Karl-Werner Hansmann ist emeritierter Professor für Betriebswirtschaftlehre an der Universität Hamburg.

Karl-Werner Hansmann ist emeritierter Professor für Betriebswirtschaftlehre an der Universität Hamburg.

Foto: Juergen Joost

Prof. Karl-Werner Hansmann ist Betriebswirtschafts-Experte und warnt vor einem Stopp von Energielieferungen aus Russland.

Hamburg. Am 11. November analysierte ich in dieser Zeitung die Entwicklung der Inflation in Deutschland, nachdem die Preissteigerungsrate im Euroraum innerhalb von sechs Monaten von 1,6 auf 4,1 Prozent gesprungen war. Ich kam zu dem Schluss, dass eine lang anhaltende hohe Inflationsrate von mindestens fünf Prozent im Euroraum zu befürchten sei.

Die Europäische Zentralbank (EZB) war der Auffassung, dass die Preissteigerungen nur temporär seien und die Inflationsrate wieder zu ihrem Ziel von zwei Prozent zurückkehren würde. Dass diese Auffassung der EZB nicht zielführend war, ist heute offensichtlich.

Inflationsrate von zwei Prozent ist nicht haltbar

Die Inflationsrate des Euroraums betrug im Fe­bruar 5,8 Prozent, bevor die westlichen Sanktionen gegen den Überfall Russlands auf die Ukraine überhaupt wirken. Inzwischen hat sich die Situation durch den russischen Angriffskrieg massiv verschärft. Die europäischen Energiepreise sind Ende Februar 31 Prozent höher als vor einem Jahr. Gegen diesen Preisschub kann die EZB jetzt mit geldpolitischen Maßnahmen nichts mehr ausrichten.

Wie wird sich die Inflation weiterentwickeln? Wir sind jetzt in der kritischen Lage, dass die extremen Energiepreissteigerungen die Konsumenten nicht nur direkt beim Heizen und Tanken treffen, sondern auch zu einer zweiten Preiswelle führen, weil Industrie und Dienstleistungssektor die gestiegenen Energiekosten über mehrere Produktionsstufen weitergeben. Dies ist typisch für eine arbeitsteilige und netzwerkartig verflochtene Marktwirtschaft.

Inflation bekommt neue Dimension

Hinzu kommen die preissteigernden Wirkungen der Sanktionen gegen Russland und der mittelfristige Ausstieg der Europäischen Union aus den Öl- und Gaslieferungen Russlands, die weitere Preiswellen auslösen dürften. In der Summe sind diese Wirkungen geeignet, die Inflationserwartungen der Bevölkerung nach oben zu treiben und damit einen eigenständigen und sich selbst verstärkenden Inflationsprozess auszulösen. Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Prozess, der zu einer galoppierenden Inflation führen kann, unter allen Umständen verhindert werden muss. Dazu sind vor allem vernünftige Tarifverhandlungen mit moderaten Abschlüssen erforderlich, die die Fehler der Ölkrise von 1973/74 vermeiden, als versucht wurde, die aus dem Ausland importierten Preissteigerungen durch hohe Lohn-forderungen zu kompensieren.

Wenn die EZB entschlossene Schritte in Richtung Preisstabilität unternimmt, haben wir eine Chance, die Inflationsrate bei sieben bis acht Prozent zu stabilisieren und damit einen sich selbst verstärkenden Inflationsprozess abzuwenden. Mein Szenario basiert auf den von der Bundesregierung und der Europäischen Kommission bisher beschlossenen Sanktionen, die bereits Wirkung in Russland zeigen. Diskutiert wird darüber hinaus ein sofortiges Embargo aller russischen Energielieferungen, um der Ukraine effektiver zu helfen. Damit würden 55 Prozent der deutschen Importe von Erdgas, 50 Prozent von Kohle und 35 Prozent von Erdöl, die aus Russland kommen, entfallen und müssten durch andere Quellen ersetzt werden. Dies verleiht der Inflation eine neue Dimension.

Embargo russischer Energielieferungen nicht verantwortbar

Zu dem Preisschock aufgrund der weltweiten Verknappung von Energie und Rohstoffen sowie den Sanktionen gegen Russland kommt nun ein Mengenschock hinzu. Die fehlenden Energiemengen können nur für etwa drei Wochen durch Entnahme aus den wenig gefüllten Speichern ausgeglichen werden. Danach führt der Energiemangel bis zur Erschließung neuer Quellen zu noch höheren Inflationsraten als oben angegeben. Schlimmer ist jedoch, dass energieintensive Industrieunternehmen ihre Produktion herunterfahren und damit für Materialengpässe auf den nachgelagerten Produktionsstufen sorgen.

Dadurch setzt sich die Produktionsdrosselung netzwerkartig fort und bewirkt einen erheblichen Anstieg der Kurzarbeit, von der durch Corona noch knapp eine Million Menschen betroffen sind. Da sich sowohl der Inflationsprozess auf der Nachfrageseite als auch die Produktionseinschränkungen auf der Angebotsseite dynamisch entwickeln und sich darüber hinaus gegenseitig verstärken, gelangt die Wirtschaft in eine schwere Krise, deren Ausmaß niemand vorhersehen kann. Ein sofortiges Embargo der russischen Energielieferungen nach Deutschland ist daher, obwohl es politisch wünschenswert wäre, ökonomisch und sozial nicht zu verantworten.

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